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Full text: Berliner Schwindel / Werthauer, Johannes

fraulein lallt 
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von 
WgM Slrindberg 
Der angebliche „Weiberhasser“ ist hier der Anwalt des Weibes. 
Führt die Sache der Frau mit einer Leidenschaft und einer Ueber¬ 
zeugungskraft, die nur der besitzen kann, der sich mit seinem 
Klienten identificirt. Ja, wie ein genialer Schauspieler ist der Dichter 
ganz in die Gestalt 'seiner Julie aufgegangen und schreit aus ihrer 
Seele hinaus gegen die Verkehrtheit der Gesellschaft wie gegen die 
Tyrannei der Natur. Alle Ihr Jungfrauen und unverheirateten Frauen, 
die Ihr unter dem Zwange Eurer Geschlechtlichkeit seufzet und aus 
der Enge der Convention fliehen möchtet, hier hat ein grosser Dichter 
Eure Heldin geschaffen; hier sind Eure Leiden von einer dichterischen 
Gestalt bis in alle Consequenzen durchlitten; hier ist Eure Märtyrerin, 
die für Euch gestorben ist, auf dass Ihr lebet! Lest das Buch, seht 
das Spiel: hier ist die Tragödie der Jungfräulichkeit! Die Frau darf 
vor der Ehe nicht geschlechtlich verkehren, sonst ist sie verloren; 
daran ändert auch die freieste Liebe nichts: der Mann wird immer 
die geschlechtliche Reinheit der Frau zur Voraussetzung und Be¬ 
dingung der Ehe machen; im letzten Grunde, weil er, wie Strindberg 
in seinem neuesten Roman „Die gotischen Zimmer“ sagt, sonst 
durch die Frau in die geschlechtliche Sphäre eines anderen Mannes 
gezogen würde! Im Schosse der Frau den andern Mann spüren — 
wer das ertragen kann, ist pervers und kann ebenso gut direkt zum 
Manne gehen. Also Jungfräulichkeit ist kein leerer Wahn, und 
welches Mädchen sie an einen Mann verliert, den sie nicht lieben 
kann und nicht heiraten könnte, ist verloren, auf die eine oder andere 
Weise. Fräulein Julie ist verloren und büsst ihre Geschlechtlichkeit 
mit dem Tode. Alle Frauen, die Ihr das Buch lest oder das Spiel 
seht, werdet in ihr Euch selbst erkennen und schaudernd in den Ab¬ 
grund sehen, an dem Ihr dicht vorbeigegangen seid und in den Ihr 
beinahe gefallen wäret; Ihr werdet in einen Spiegel sehen, aber Euch 
nur abwenden, wenn Ihr ein böses Gewissen habt! Wehe denen, die 
ein böses Gewissen haben! Sie gerade wird es locken, das Buch 
zu lesen, das Spiel zu sehen: sie werden zerknirscht, vernichtet sein! 
Heil denen, die ein gutes Gewissen haben: sie werden erbaut, er¬ 
hoben sein. Die höchste Moral predigt diese Dichtung, ohne zu 
predigen, allein durch ihren Vorgang. Allen jungen Mädchen sollte 
man das Buch in die Hand drücken, allen jungen Mädchen sollte man 
das Spiel zeigen — es kann sie nur zur Jungfräulichkeit erziehen! 
Strindberg’s „Fräulein Julie“ ist in der vorn Verfasser selbst unter 
Mitwirkung von Emil Schering als Uebersetzer veranstalteten 
Ausgabe für eine Mark in allen Buchhandlungen käuflich. Hermann 
Seemann Nachfolger, G. m. b. H., Berlin SW. 11, Tempelhofer Ufer 29.
        
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