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Full text: Berliner Schwindel / Werthauer, Johannes

August Strindberg 
KÖNIGIN CHRISTINE 
Strindbergs dritte Frau, Stockholms modernste, eigenartigste 
Schauspielerin Harriet Bosse, tritt hier in der Maske der Königin 
Christine auf; sie ist das Modell für die historische Gestalt gewesen; 
ihr ist die fabelhafte Lebendigkeit der Bewegung abgelauscht. Es 
gibt einfach kein zweites Drama in der Weltliteratur, in dem die 
Hauptgestalt eine solche geistige und körperliche Beweglichkeit be¬ 
sitzt; gewiss hundert Züge, Stellungen, Bewegungen schüttelt der 
Dichter verschwenderisch aus dem Aermel. Sie kokettiert mit 
brennenden Blicken; spricht mit einer Mannesstimme; lächelt grausam; 
lacht ins Taschentuch; stampft mit dem Fusse auf; plappert wie ein 
Kind; fragt mit den Blicken; „nimmt den Zaum in den Mund und 
stockt den Kopf in die Brust“; schlägt brutal um; degagiert und fällt 
aus; spricht dumpf, weich, kläglich, liebkosend, schmerzlich, zornig, 
eiskalt; setzt ein heitres, offnes Gesicht auf und schlägt einen gemüt¬ 
lichen Ton an; steckt wie ein Kind den Finger in den Mund; errötet, 
sieht auf die Erde nieder, ist bange, gerührt, betrübt, kindlich, stahl- 
hart, kalt, schelmisch, flott, schroff; fährt sich mit der Hand über die 
Augen, um eine Träne zu verbergen, über die sie sich schämt; lässt 
das auf einer Seite aufgesteckte Kleid fallen; wird ein graciles Weib 
von weicher Art und languissanten Bewegungen; stürzt der Mutter 
in die Arme, placiert sie ins Sopha, legt sich auf zwei Stühle, den 
Kopf aufs Knie der Mutter, beginnt mit einer glatten honigsüssen 
Stimme, liegt und ladet wieder, löst den Schuss, geniesst den Sieg, 
sieht aus wie ein Dämon, strampelt vor Vergnügen mit den Füssen, 
springt mit einem Katzensprung auf, nimmt ihren Degen und bricht 
ihn überm Knie entzwei u. s. w., u. s. w.! Es ist dem Dichter hier 
gelungen, nach dem Bbenbilde seiner Frau ein Weib von unerhörter 
Lebendigkeit zu schaffen. Da er aber die Königin in der Gestalt 
seiner eigenen geliebten Frau sah, musste er die historische Christine 
veredeln, die in Wirklichkeit eine Schwester der beiden Luisen war, 
der von Sachsen und der von Coburg, also eine Dirne, wenn auch 
eine königliche Dirne, eine geniale Dirne; bei Strindberg wird sie dagegen 
eine Schwester der armen Komtesse Julie, die ihre Brunst mit dem Tode 
büsst. Das hochdramatische in Strindbergs Charakteristik ist, dass 
Christine so lange mit der Liebe spielt, bis siesich selbst verliebt und sich 
so in ihrem eignen Garn fängt. Als der Dichter dies Werk vollendet hatte, 
im Herbst 1901, sandte er es seinem Uebersetzer mit den Worten: 
«Das ist mein bestes historisches Drama.» Als es 1904 erschien, 
lautete die schwedische Kritik, aus dem Munde des Poeten Per 
Halletröm: «Dies Stück ist tot, ja es ist bereits verwest und stinkt 
schon!» Ist ein höheres Lob möglich? 
Strindbergs *Eönigin Christine» ist für eine Mark in jeder 
Buchhandlung zu haben, 
ßferrriann Seen]ann Nachfolger 6. m. b. J{. 
Berlin 11, Uempe/ho/et Ufer 29.
        
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