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VI. Kreditschwindel A. Annoncen- und Zeitungsschwindel

Full text: Berliner Schwindel / Werthauer, Johannes

96 Großstadt-Dokumente Bd. 21. Berliner Schwindel.

eigentlich für diesen Teil des Kapitalmarktes in Betracht kämen.

Herr Wappel nahm von einem Pult ein kleines, in Quartformat gedrucktes Blättchen, überschrieben „Der große Kapitalist" und zeigte es dem Herrn Schaumer. Dieser prüfte die Annoncen; es war in der Tat das ganze Batt, mit Ausnahme eines kleinen Artikels mit der Überschrift „Wie wird man Rothschild?", angefüllt mit Darlehnsgesuchen.

Da suchte eine junge Artistin mit angenehmen Äußerem 100 Mark, eine sich einsam fühlende Witwe 300 Mark, ein junger Student in besseren Jahren Geld zur Beendigung seiner Studien. Dann folgte ein „wohlsituierter" Bauunternehmer im Besitz dreier guter Häuser, der500 Mark zu „Löhnen" brauchte. Eine Frau, deren Mann verschollen, wollte ihre Wirtschaft für ein kleines Darlehn zur Beschaffung des Lebensunterhaltes verpfänden. Gin junges Mädchen im Alter von 17 Jahren, erfüllt von dem ernstlichen Bestreben, unter Benutzung der gesamten Frauenemanzipationssreiheiten, sich einen eigenen „Künstler-beruf" zu schaffen, und dieserhalb mit ihrer Familie zerfallen, ersehnte die Mittel zur Beendigung ihrer zunächst aus „einige" Jahre sich erstreckenden Studien. Eine ältere Dame suchte 30 Mark zur Auslösung ihres Hündchens, welches abgefangen und von dem Verpfleger nur gegen Zahlung des Kostgeldes ausgeliefert werden sollte, wofür sie sich erbot, Unterricht im Strumpfstricken zu erteilen.

So wirbelten die Annoncen durcheinander, daß Herrn Schaumer nicht einmal die Zeit übrig blieb, darüber nachzudenken, welcher Kapitalist wohl als Abonnent dieses Blattes in Frage käme. Da ihm aber Herr Wappel nochmals bestätigte, daß diese Annoncen zum Ziele führten, so entschloß er sich, auch seinerseits eine Annonce aufzu-
        
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