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I. Berliner Wohltätigkeit

Full text: Großstadt-Sozialismus / Ebeling, Martin

6 Großstadt-Dokumente Bd. 44. Großstadt-Sozialismus.

fromme Stiftungen, aber auch der Kultur und dem Pfluge erschlossenes Land, zeugen von der Wohltätigkeit vergangener Zeiten.

Damals hatte die Wohltättgkeit ihre volle Berechtigung. Das Mittelalter, welches noch nicht unter dem Zeichen des Kapitalismus und des Bodenwuchers, dieses Fluches aller Kulturländer, stand, kannte den modernen Begriff der Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft bis aus die Knochen noch nicht. Wer sonst arbeitskrästtg und gesund war in Deutschland, konnte dem Druck etwaiger hoher Grundrente dadurch entgehen, daß er nach dem Osten ging über Weser und Elbe, Oder und Weichsel, wo noch Freiland zu haben war. Die moderne Grundrente kannte das Mittelalter in ihrer ganzen Brutalität nicht, und deshalb konnte auch in dieser Zeit keine soziale Frage in dem Sinne auskommen, wie wir sie heute haben. Der moderne Kapitalismus, geboren im Schoße des heiligen Prinzips von Manchester und die Herabwürdigung des Grund und Bodens zu einer Schacher- und Handelsware sind die Wiege der modernen Sozialdemokratie. Zur Bekämpfung derselben versuchen es harmlose Gemüter mit der Wohltättgkeit. Man vergißt, daß der sozial denkende Mensch gar keine Wohltaten will, daß er so weit in die Struktur des wirtschaftlichen Lebens eingedrungen ist, daß er sich sagt, wenn er den Anteil an dieser Wirtschaft, der ihm zukommt, hätte, würde er der Wohltättgkeit nicht bedürfen. Selbstverständlich sprechen wir nur von Leuten, welche arbeiten wollen, nicht von jenen verlorenen Kindern unseres Volkes, deren Müßiggang etwas Pathologisches an sich hat; aber unsere VerhAtnisse haben es mit sich gebracht, daß selbst normal angelegte Menschen aus Wohltätigkeit angewiesen sind. Dagegen sträubt sich aber das erwachte soziale Gewissen; man will keine Wohltat, sondern sein Recht;
        
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