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XII. Verwüstungen, welche die hohe Grundrente anrichtet

Full text: Großstadt-Sozialismus / Ebeling, Martin

76 Großstadt-Dokumente Bd. 44. Großstadt-Sozialismus.

Schon seit geraumer Zeit finden in den Ortschaften südwestlich von Spandau umfangreiche Landverkäufe statt. Von der Ortschaft Staaken ist schon der größte Teil der Feldmark veräußert worden. Jetzt kommen die in der Nähe von Staaken belesenen Dörfer Dallgow und Seeburg an die Reihe. Es handelt sich nach Damaschkes „Bodenreform" in diesen beiden Dörfern zunächst noch nicht um feste Käufe, sondern um Optionen auf zehn Jahre. Die Besitzer verpflichten sich, in diesem Zeitraum an niemand anders als an die Kontrahenten ihr Eigentum zu veräußern, und zwar zu einem bestimmten Preise; meistens ist dieser auf 2000 Mark für den Morgen festgesetzt. Als Entschädigung für die übernommene Verpflichtung erhalten die Besitzer für den Morgen 25 Mark jährlich; dafür dürfen sie ihre Ländereien nach wie vor beackern. Äber den Zweck dieser Spekulationen verlautet nichts Zuverlässiges; es wird indes erzählt, daß ihnen Pläne der Militärverwaltung betreffs Erweiterung des Döberitzer Übungsplatzes zugrunde liegen sollen.

Hier haben wir die Grundstücksspekulation in Reinkultur. Anstatt gleich zu kaufen und zu bezahlen, sichert man sich nur das Recht, zu einem bestimmten Preise jederzeit innerhalb einer gegebenen Frist abschließen zu können. Alles, was man riskiert, ist der Verlust von 25 Mark pro Morgen jährlicher Pacht. Dafür spart man aber 80 Mark jährliche Zinsen und hat doch das Land als Spekulationsobjekt sicher in der Hand.

Wenn dann der Staat wirklich an eine Erweiterung des Übungsplatzes denkt, dann kaufen ein paar gute Freunde ein paar Morgen zu 4000, 6000 und mehr Mark und etablieren dadurch einen Marktwert, den dann der Staat für den Rest nach „Recht und Gerechtigkeit" anzulegen gezwungen ist.

Für das, was er direkt von den Bauern für etwa 1 Million hätte kaufen können, ohne Dazwischentreten der Spekulation, muß er nun 3 ober 4 Millionen bezahlen, selbst wenn er den Expropriationsweg beschreibt, d. h. in anderen Worten: wer bei einer solchen Spekulation 1 Million verdient, bekommt vorn Staate eine ewige Rente von 40 000 Mark jährlich. Eine hübsche Illustration wirtschaftlicher Gerechtigkeit! Wer als Beamter oder Soldat dem Staate dient, sein Leben und seine Gesundheit opfert, erhält zum Schluß eine karge Pension, über die dennoch die Steuerzahler jammern; wer aber den Staat um 1 Million schädigt, bekommt eine Pension von 40 000 Mark jährlich, die er Kind und KindesKind vererben kann."
        
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