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I. Berliner Wohltätigkeit

Full text: Großstadt-Sozialismus / Ebeling, Martin

18 Großstadt-Dokumente Bd. 44. Großstadt-Sozialismus.

dem Wohltun steckt, nicht ganz zugrunde geht. Wem es im Winter Spaß macht, der kann in einem gewissen Berliner Lass die Arrangeure von Wohltättgkeits-matinees, Vorstellungen, Bällen kennen lernen; alles soll angeblich bedrängten Künstlern, halb oder ganz Blinden zugute kommen. Der arme Blinde sitzt indessen sein ruhig im Lass und blinzelt mit haarschars-sehenden Augen nach Dummen, denen er ein Billett andrehen kann, wie der Kunstausdruck heißt; dazu tut er 3—10 Stück Zucker in seinen Kaffee aus reiner Vergeßlichkeit. — Doch wir müssen weiter eilen aus dem Gebiete des Großstadtsozialismus. Den Bastard von Sozialismus, die Wohltätigkeit, haben wir in vielen ihrer Betätigungen kennen gelernt und leider viel Menschliches, allzu Menschliches vorgefunden; ein gut Stück Wohltätigkeit basiert aus der menschlichen Eitelkeit. Man stellt so gern ein Haus für Sieche, eine Krippe für Säuglinge, ein Denkmal, ein Erholungsheim, ein Freibett, eine Lungenheilstätte, eine Volksküche hin, weil man es sehen kann, daß man an diesem sichtbaren Werk mit teilgenommen hat, das kitzelt die liebe Eitelkeit. Man streiche diese, und wie wenig bleibt dann von der Wohltätigkeit übrig!

Aber gerade dieses wenige ist's, auf dem sich die Wohltätigkeit der Zukunft ausbauen muß, jene Wohl-tätigkeit, welche demütig den Mantel des großen Naza-reners küßt und die Spuren seiner Füße wandelt, jene Wohltätigkeit, welche erdenweit entfernt vom Tamtam, vom Tanz, Zigeunermusik, Wein, Sekt und sonstigen Genüssen still ihrer Wege geht, welche aus der reinen Lharitas beruht. Vorläufig steht das weitaus meiste der Großstadtwohltätigkeit unter dem Zeichen des Vergnügens, der Genußsucht, der Eitelkeit. Ob es anders werden wird, wer kann es sagen? Das großstädtische
        
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