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I. Berliner Wohltätigkeit

Full text: Großstadt-Sozialismus / Ebeling, Martin

I. Berliner Wohltätigkeit.

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man flucht der Wohltat und kann sie doch nicht entbehren. Diese Erscheinung ist auch der innere Grund dafür, daß seitens der Wohltäter soviel über Undank geklagt wird. „Das Volk ist nicht zufriedenzustellen," wie oft hört man solche bewegliche Klage. Sie hat ihren Grund darin, daß man die alte Lharitas des Mittelalters, welche damals sehr angebracht war, in die neue moderne Zeit hineinverpflanzen will, in welche sie gar nicht mehr hineinpaßt. Mit Wohltätigkeit ist die Frage unserer Zeit, die soziale Frage, nicht zu losen, und wer es doch unternimmt, auf diesem Wege der großen Sphinx zu Leibe zu gehen, der wird von ihr verschlungen mit Haut und Haaren. Das große Sphinxrätsel, welches jede Zeit losen muß, wird nicht mit kleinen Maßnahmen erraten. Es ist erstaunlich, in wie großem Maßstabe bis in unsere Zeit hinein Wohltätigkeit getrieben wird, und in dem sozialen Programm unserer Reichshauptstadt scheint sie als Nummer I zu prangen; alle Welt in Berlin ist wohltätig, vom Stiefelputzer bis zum Oberbürgermeister, vom kleinen Beamten bis zum Minister hinauf; ja die Namen der letzteren fehlen bei fast keiner größeren Wohltätigkeitsveranstaltung. Namen ziehen immer, ist die Ansicht der großen Wohltättgkeitspfadfinder. Es gehört keine geringe Kenntnis des äußeren Milieu von Berlin dazu, um immer wieder neue Sujets für die Wohltätigkeit zu finden. Zahlreiche Vereine bestehen, andere werden neu gegründet. Gesellschaften zur Bekämpfung aller möglichen Laster entstehen tagtäglich. Man bekämpft die Säuglingssterblichkeit, die Prostitution, die Geschlechtskrankheiten, den Alkoholismus, die Krüppelhaftigkeit und tausend andere Laster und Leiden — aber auch hier hat die Bibel recht — an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen, nicht an den geschwungenen feierlichen oder nicht feierlichen Reden, nicht an den Berichten der Tages-
        
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