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Theodor Berger Die Schuldfrage

Full text: Meine Klienten / Bahn, Walter

Die Schuldfrage.

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Wenn man dies liest, fragt man sich unwillkürlich: Wozu noch Richter und Geschworene? Die Wahrheit ist ja schon erwiesen!

Die Geschworenen gehören aber auch zum Volke und werden von seinen Strömungen ersaßt, auch sie lesen die Berichte, noch ehe sie aus die Geschworenenbank berufen werden und nehmen den Niederschlag aller dort vorgetragenen Belastungsmomente in sich aus.

Auch während sie zu Gericht sitzen, lesen sie die Preß-berichte, welche Schuld oder Unschuld schon vor der Entscheidung erörtern und je nach der politischen oder sozialen Färbung zu diesem oder jenem Resultate gelangen.

Sie sollten aber auf nichts hören als auf das, was Gegenstand der mündlichen Verhandlung bildet.

Darum wäre die in einigen Staaten Nordamerikas bestehende Einrichtung zweckmäßig, daß die Geschworenen während der Zeit ihrer Amtstätigkeit völlig von der Außenwelt abgeschlossen werden, im Gerichte wohnen, schlafen und beköstigt werden.

Erst dann wird man ganz unparteiische Geschworenenverdikte erwarten können.

Berger trat nun als einzelner durch die Haft verängstigter Mensch, der Gewalt der öffentlichen Meinung entgegen, die Verhandlung wurde durch einen Vorsitzenden geleitet, der ebenfalls unter dem Eindrücke der Zeitungsnachrichten stehen mußte und sich außerdem auf die Lektüre von polizeilichen und richterlichen Protokollen stützte, welche wesentlich im Sinne der Belastung abgefaßt waren.

Es war für den Angeklagten eine Herkulesarbeit, gegen alle diese Faktoren anzukämpfen und doch gelang es, wenigstens so viel Zweifel in den Gemütern der Geschworenen zu erwecken, daß sie lediglich aus Totschlag ihren Wahrspruch abgaben.
        
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