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Theodor Berger Das Zeugenmaterial

Full text: Meine Klienten / Bahn, Walter

18 Großstadt-Dokumente Bd. 42. Meine Klienten.

Der Eid ist überhaupt das Schmerzenskind der modernen Strafrechtspflege, er ist der Moloch, dem alljährlich zahllose Opfer geschlachtet werden und zu dem viele Gerichte aus voller Überzeugung beten.

Der Eid!

Er wird gemäß § 62 Strafprozeßordnung „bei Gott dem Allmächtigen und Allwissenden geschworen" und schließt mit den Worten:

„So wahr mir Gott helfe."

Ohne die Anrufung Gottes ist der Eid also kein Eid.

Niemand wird sich nun der Tatsache verschließen können, daß der Glaube an Gott in sehr starker Abnahme begriffen ist, nicht nur bei den Gebildeten, bei denen er schon zu Friedrichs des Großen Zeiten viele Anhänger verloren hatte, sondern auch bei den breiten Massen der Bevölkerung.

„Ick bin Dissendent" hört man alle Augenblicke einen Zeugen in Moabit mit einem gewissen Trotz dem Richter sagen.

Dieser Mann glaubt an keinen Gott, die Strafprozeßordnung zwingt ihn aber bei diesem Wesen zu schwören, das er negiert, vielleicht sogar heimlich verspottet.

Der Eid wird dadurch zu einer Farce.

Wenn nun noch dazu die (Situation so ist, daß der Zeuge, wie es im Volke heißt, den Eid schwören „kann", d. H. wenn niemand als der Zeuge dabei war, so verfängt auch die Angst vor dem Zuchthause nicht mehr und „wer schwört, gewinnt!"

Bekanntlich geht die Staatsanwaltschaft auch an Verfolgungen wegen Meineides nur ungern heran; die Sache kommt vor die Geschworenen und hat daher immer den Charakter eines unsicheren Würfelspiels.
        
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