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Wilhelm Voigt der Hauptmann von Köpenick Der Lebenslauf des Hauptmanns von Köpenick

Full text: Meine Klienten / Bahn, Walter

Der Lebenslauf des Hauptmanns von Köpenick. 109

naturgemäß auch meine Begriffe, ich erlangte eine gründliche Kenntniß über die Wünsche und Bedürfniße über wirtschaftliche Fragen und alle möglichen Bedrängniße meiner Umgebung und weil diese aus allen Schichten der Gesellschaft zusammengesetzt war, vom Gutsbesitzer und Fabrikanten, bis zum Tagearbeiter herab, wurde es mir im späteren Leben sehr leicht mit Leuten aller Stände einen beide Theile befriedigenden Umgang zu pflegen.

Nicht so gut bildete sich das Verhältniß mit meinen Angehörigen meine jüngere Schwester die bis 72. den Briefwechsel mit mir besorgt hatte war nach Eöln gezogen und dadurch kam mein Verkehr mit ihr ins Stocken und Bertha schrieb allemal ihre Briefe über Tilsit früher wurden alle Briefe mit dem Anstaltsstempel versehen abgeschickt und das war für die Angehörigen sehr verletzend. Den letzten Stoß brachte das Iahr 78 für mich. Es war in den 1. Tagen des März als ich (Freitag wars) von einer Lungentzündung befallen wurde am Sonnabend früh wurde ich bewußtlos ins Lazareth geschafft und am Dienstag hatte der Arzt mich bereits aufgegeben. An demselben Sonnabend ist meine Mutter um IIV2 Uhr Abends gestorben, wie es hieß am Gehirnschlng. Daraufhin ist meine Schwester von Cöln aus telegraphisch nach Hause gerufen und hat mir in einem Briefe die Todesanzeige mitgetheilt und 14 Tage auf Antwort gewartet und als die dann nicht eintraf ist sie mir grollend wieder abgereist hat auch bis in diesem Iahre erst außer aller Verbindung mit mir gestanden. Ich war aber gänzlich außer Schuld denn als der Brief eintraf lag ich besinnungslos da und da meine spätere Genesung sehr langsam vor sich ging, gestattete der Arzt erst nach 6 Wochen die Übergabe des Briefes an mich. Trotz der Vorsicht des Arztes bekam ich den Rückfall doch und es hat 4 Monate gedauert ehe ich das Lazareth verlaßen konnte. Ich hatte mittlerweile an meinen Vater schreiben laßen und dieser antwortete mir im October mit einer Hochzeitsanzeige.

über die Zeit bis zu meiner Gntlaßung kann ich füglich hinweggehen die trat im Iuni des nächsten Iahres ein die erste Zeit wollte ich im Vaterhause zubringen und so trat ich denn den Weg in die Heimat an.

Gs war ein Sonnabend als ich die Schwelle des Vaterhauses überschritt wie ich das Zimmer betrat sitzt mein Vater auf dem Sopha und liest ich sage mein Handkösferchen in der Hand haltend: „Guten Tag." er „gutm Tag was wünschen Sie." ich „Vater kennst Du mich denn nicht mehr." er „ach du bist es Wilhelm wie lange willst Du denn nun bleiben." ich traute kaum meinen Sinnen. Kam ich auch als verlorner Sohn nach Hause ich war doch immer der Sohn meinem ersten Impulse
        
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