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Wilhelm Voigt der Hauptmann von Köpenick Der Lebenslauf des Hauptmanns von Köpenick

Full text: Meine Klienten / Bahn, Walter

108 Großstadt-Dokumente Bd. 42. Meine Klienten.

mich. Diese Zusammenkunft zu beschreiben ist mir unmöglich. Da stand ich vor ihr, auss tiefste gebeugt und geschlagen. Da stand sie vor mir in ihrem Unglück den Mund voll zorniger Worte und daß Herz voll treuer Schwesterliebe und so steht sie heute wiederum nach 36 Jahren neben mir mit ihrem Hab und Gut ihren Bruder zu schirmen und zu retten und ich bin ich solcher Hingabe und Aufopferung werth, die Welt sagt vielleicht nein das Schwesterherz spricht ja ja. gebe Gott daß es mir noch einmal vergönt ist ihr durch Wort und Tat dafür zu danken.

Doch die Jahre eilten weiter und mir brachten sie das Glück im Jahre 1872 meine Mutter noch einmal im Leben zu sehn und zu sprechen. Meine Mutter machte eine Besuchsreise nach Löln a. R. zu meiner Kousine und auf der Rückreise blieb sie 4 Wochen bei ihrer Schwester meiner Tante in Berlin und Beide besuchten mich in Gemeinschaft mit Bertha. Da saßen wir nun meine Tante zornsprudelnd auf den ungerathenen Neffen, meine Mutter die Augen voll Thränen, die Lippen zuckend, leise Worte der Liebkosung stammelnd, als wäre ich noch ihr kleines geliebtes' Kind kein Laut der Klage, des Vorwurfs, die letzten Worte die ich von ihr gehört waren Liebe und Güte. Auch diese Stunde verran leider zu schnell und wenn auch die Zeit vom Hr. Director aufs äußerste ausgedehnt war, scheiden mußten wir. Schwer wurde der Abschied uns allen. Ich wurde abgeführt und als ich mich vor dem Thor der Gefängnißräume noch einmal umwandte sah ich meine Mutter vor der Thür des Sprechzimmers stehen, gestützt von Bertha und Tante, die Augen voll Thränen mit der Hand die letzten Grüße winkend so steht meine liebe Mutter noch heute vor mir und wird vor mir stehen in meiner letzten Stunde ich habe sie und die Tante nicht mehr gesehen und meine Schwester erst nach 34 Jahren.

Im Jahr 1873 wurde ich nach Sonnenburg versetzt weil nach neueren Bestimmungen die Einzelhaft nicht über 3 Jahre ausgedehnt werden durfte ich bin ungern dahin gegangen aber es ließ sich Nichts dagegen thun. Bald hatte ich mich auch in die veränderte Lage gefunden und ohne mein Zuthun wurde ich auf eine Bahn gedrängt die eine weitere Entwickelung meiner Ausbildung zur Folge hatte.

Damals war es gestattet das Gefangene die selber nicht schreiben konnten sich der Beihilfe ihrer Mitgefangenen bedienen dursten und wie die's erst weg hatten, daß ich mich herbeiließ ihnen Briefe zu schreiben, benützten sie meinen guten Willen bis zur äußersten Grenze. Ich habe in den 6 Jahren die ich in Sonnenburg zubrachte mindestens 2000 Briefe des verschiedensten Inhalts geschrieben wohl die Hälfte an die Behörden vom Minister bis zum Gemeindeschulzen. Dadurch erweiterten sich
        
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