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Wilhelm Voigt der Hauptmann von Köpenick Der Lebenslauf des Hauptmanns von Köpenick

Full text: Meine Klienten / Bahn, Walter

Der Lebenslauf des Hauptmanns von Köpenick. 107

bin gehabt hat. Ich hatte schon während der Untersuchung einen Brief an meine Eltern geschrieben, indem ich ihnen kurz meine That auseinandersetzte und um Verzeihung bat und ich wunderte mich gar nicht dasz ich keine Antwort darauf erhielt, denn ich hielt mich selber für so erbärmlich und schlecht daß es ganz selbstverständlich sei wenn meine Eltern sich gänzlich von mir abkehrten und als ich dann verurtheilt war und zur Verbüßung meiner Strafe, der Strafanstalt Moabit überwiesen war hat es dem Geistlichen große Mühe gekostet mich zu einem 2. Briefe an meine Eltern zu bewegen, auch hierauf erhielt ich keine Antwort und erst durch Vermittelung des Ortsgeistlichen in Tilsit der mich eingesegnet hatte erlangte ich die Verzeihung meiner Eltern und wir führten durch die Hand meiner Schwester einen regelmäßigen Briefwechsel.

Die Einsamkeit meiner Zelle trieb meine Gedanken zunächst zu innerer Ginkehr und Rückblick auf mein vergangenes Leben und da trat vor Allem das Bild meiner Mutter in den Vordergrund, und all ihr Leiden und Dulden, Mühen und Sorgen für uns, daß ihr doch so wenig gedankt wurde, weckte eine Fülle voll Liebe und Zärtlichkeit für sie in mir die sich von Iahr zu Iahr steigerte und schließlich so groß wurde daß ich zu ihr nicht wie ein Kind zu seiner Mutter aufblickte, sondern wie ein guter katholischer Christ zur Mutter Gottes. Diese Verehrung für meine Mutter ist mir geblieben und hat meiner Stellung auch zu anderen Frauen ein bestimmtes Gepräge gegeben. Frauen gegenüber bin ich durchaus machtlos.

Sodann führte sie mich auch zur geistigen Ausbildung ich habe schon ct. a. O. gesagt daß ich mit guter Schulbildung ausgerüstet, meine Heimath verlaßen habe hier aber standen mir die besten Werke unsrer Literatur zur Benutzung frei und ich habe sie gern und viel gebraucht. Ich habe nacheinander Schloßer u. Aaumer Becker und Menzel Daniel und Schacht Humboldt und Heanisch Dickens und Scott u.s.w. u.s.w. durchstudirt und da ich dabei über dieselbe Sachen Berichte abweichenden Inhalts vorfand auch Kritik daran geübt und diese Beschäftigung lehrte mich alle Vorgänge um mich in ganz anderem Lichte anschauen, ich wurde wenn ich so sagen darf dadurch geistig reis und innerlich selbstständig.

Dann kamen die schönen Jahre von 1870—71. die Kerkermauern vermochten nicht diese Fülle von Licht und Leben die damals das ganze Land durchflutete, zurückzuhalten habe ich es auch tiefbeklagt daß ich nicht mit meinen Iugendgefährten hinausziehen konnte so habe ich mich doch gefreut und es dankbar empfunden daß die Sache zu so gutem Ende gekomen. Um diese Zeit kam auch meine Schwester Bertha nach Berlin und besuchte
        
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