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Wilhelm Voigt der Hauptmann von Köpenick Der Lebenslauf des Hauptmanns von Köpenick

Full text: Meine Klienten / Bahn, Walter

106 Großstadt-Dokumente Bd. 42. Meine Klienten.

dann haben wir uns bis heute nie mehr gesehen und ich weiß nicht ob es mir in meinem Leben noch einmal vergönnt sein wird sie zu sehen und zu sprechen.

Aber die Zeit meiner Reise bis Berlin kann ich wenig sagen. Da ich von Jugend auf eine gute Beobachtungsgabe besitze brachte sie mir des Interessanten und Belehrenden viel und ich habe noch später in einsamer Zelle lange davon gezehrt.

In Berlin angekommen besuchte ich zunächst meine daselbst lebenden Verwandten und trat dann bei einem Schuhmachermstr. in Arbeit die Gesellen die mit mir in der gleichen Werkstatt arbeiteten hielten sich nun des ösfteren über meine dürftige Garderobe auf und in solch jungen Jahren ist man ja sehr leicht verletzt. Zufälliger Weise bekam ich in den Tagen eine Postanweisung über einen Thaler lautend zugestellt welche sehr dürftig ausgefüllt war und wie ich so genau hinsah dachte ich wenn du hier eine 2 vorsetzt und dort zwanzig dahinter schreibst lautet sie auf 21 Thlr und die muß dir die Post auszahlen; mehr aus Neugierde ob es auch wirklich so ginge als in der 'bestimmten Absicht mir dadurch Geld zu verschaffen schrieb ich die Anweisung so aus ging damit auf die Post und bekam das Geld richtig ausbezahlt, ich war ganz erstaunt als ich das Geld in Händen hielt und glaubte nun wäre mir für alle Zeit geholfen ich konnte mir einen Äberzieher und sonst noch fehlende Kleinigkeiten kaufen daran daß die Post den Irrthum entdecken konnte und ich zur Verantwortung gezogen und bestraft werden würde dachte ich überhaupt nicht. Wie ich nun in meine Wohnung zurückkehrte und mir die Leute sagten, daß ein Postbeamter in Begleitung eines Herren in Eivil dagewesen wäre und nach mir gefragt hätte da dämmerte mir die Ahnung daß ich doch eine große Dummheit (an ein Verbrechen dachte ich überhaupt nicht) gemacht hätte und in meiner Herzensangst und Unerfahrenheit glaubte ich mich allen weiteren Verfolgungen durch die Flucht entziehen zu können, daß ich hierbei vom Regen in die Traufe kam ist selbstverständlich heute würde ich so nicht handeln. Da es mir das erstemal so mit der Anweisung geglückt war versuchte ichs auch mit der 2. und 3. denn immer auf der Flucht von Ort zu Ort ging das so gewonnene Geld stets für Reise und Gasthofs-rechnung drauf, ohne daß ich den geringsten Nutzen davon gehabt hätte. Schließlich wurde ich in Angermünde ergriffen und vor die Geschworenen in Prenzlau gestellt und es erfolgte das Ihnen ja bekante harte Urtheil von 10 Jahren und 1500 Thlr Geldbuße oder noch 2 Jahre Zuchthaus. Ich will mich hier nicht mit Erwägungen ob das Urtheil sich rechtfertigen läßt befaßen, sondern will nur versuchen zu schildern, welchen Einfluß die Strafvollstreckung auf meine Entwickelung zu dem was und wie ich heute
        
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