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Wilhelm Voigt der Hauptmann von Köpenick Der Lebenslauf des Hauptmanns von Köpenick

Full text: Meine Klienten / Bahn, Walter

Der Lebenslauf des Hauptmanns von Köpenick. 105

Anhänglichkeit die ich und meine Schwester Bertha an einander haben, sie ist eine Folge der harten Leiden unsrer Jugend und des Umstandes daß wir später auf lange lange Jahre von einander getrennt waren.

Als dann meine Schwester Bertha nach ihrer Einsegnung zu Verwandten nach Rußland ging, hatten Mutter und ich die häuslichen Stürme allein auszuhalten und während Mutter geduldig ihr Leid trug, unterlag ich; statt meine Mutter zu stützen bäumte sich mein Trotz und nach einer solchen stürmischen Scene lief ich, blutend und nur halbbekleidet davon und da in einem Nachbarhause welches ich betrat grade keiner im Zimer war zog ich mir einen Rock über setzte mir eine Mütze aus und lie^-davon. Die Leute hatten Keine Ahnung davon daß ich die Sachen genommen hatte sonst wäre jede Anzeige unterblieben, so aber war die Anzeige gemacht und als ich zurückkehrte war es zu spät die Sache wurde weiter verfolgt, ich wurde bestraft und meine Mutter hatte zu ihrer sonstigen großen Noth nun auch die Trauer um ihr zärtlich geliebtes und nun auch verlornes Kind. Heute noch wo ich dieses schreibe brennen mir vor Scham die Wangen und ich gäbe viel darum wenn ich den Bericht über diesen Theil meines Lebens anders faßen könnte aber ich muß der Wahrheit die Ehre geben und sagen Hieran trage ich die Schuld allein und ich darf es auch gar nicht versuchen einen Anderen dafür verantwortlich zu machen.

Was soll ich nun über die nächsten schrecklichen Jahre sagen die Mutter litt unsagbar und beim Vater kam neben seiner Leidenschaft der gerechtfertigte Zorn über mein schweres Verschulden hinzu und es begann nun eine geradezu fürchterliche Zeit für uns Alle. Endlich nahte die Zeit heran wo ich meine Lehrzeit vollendet, ich konnte hinaus in die Welt, wonach ich mich so oft gesehnt. War ich aber reif dafür?

Zwar mein Handwerk hatte ich gründlich erlernt, mein sonstiges Wifeen ging weit über die Grenzen deßen worüber andere junge Leute	gleichen Alters und Standes verfügten,	was ich	aber nicht

befaß	war ein unbeftecter Name und	eine	feste Hand die mir

über die schwierigste Zeit im Leben eines jeden Menschen, denn das ist doch die Zeit vom 17. bis 20. Lebensjahre, hinweghalf.

Doch endlich schlug die Scheidestunde im dürftigen Anzuge oie letzten Sparpfennige meiner treuen Mutter in der Tasche, nahm ich Abschied vom Vaterherzen und der in Thränen aufgelösten Mutter, ahnte sie es damals vielleicht schon daß noch schwerere Tage und Nächte uns allen bevorständen? Meine kleine Schwester die von dem was da vorging wohl kaum eine Ahnung hatte	begleitete mich noch eine Strecke	weit	bis vor	die Stadt

dann	reichten wir uns die Hände ein	paar	herzliche	Küße und
        
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