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Wilhelm Voigt der Hauptmann von Köpenick Der Lebenslauf des Hauptmanns von Köpenick

Full text: Meine Klienten / Bahn, Walter

104 Großstadt-Dokumente Bd. 42. Meine Klienten.

der Schwager meines Vaters. Derselbe war seiner Heimath nach Thüringer, von Beruf Mechaniker und im Besitz einer nicht gewöhnlichen, wenigstens für die damalige Zeit nicht gewöhnlichen Bildung; so hinterließ er z. B. bei seinem Tode, neben einer großen Sammlung fachwißenschaftlicher Merke, die vollständigen Werke von Göthe, Schiller, Leßing, Herder. Wieland, Klopstock, Uhland u. a. m. Einerseits übte so viel sich meiner Erinnerung eingeprägt hat, dieser Onkel einen wohltätigen Einfluß auf meinen Vater aus, andrerseits war ich da seine Ehe kinderlos war, sein erklärter Liebling und wie mir meine um 3 Jahre ältere Schwester Bertha später oft erzählt hat, war ich mehr im Hause meines Onkels als im elterlichen.

Wie leicht erklärlich suchte mein Onkel mir manches Nützliche u. Wißenswerthe spielend beizubringen und da ich heiteren aufgeweckten Sinnes war, fielen feine Bemühungen auf fruchtbaren Boden und heute noch sind manche meiner guten Gedanken und Empfindungen, auf jene glücklichen Jahre meines Lebens zurückzuführen. Leider starb mein Onkel etwa im sechsten Jahre meines Lebens und bald machte sichs bei uns so recht fühlbar, was er für uns gewesen war.

Mein Vater der bis dahin gesetzt und häuslich gewesen war, fing an öfter spät nach Hause zu kommen und es spielten sich dann widerliche Scenen in unserm bis dahin stillen Hause ab. Um diese Zeit nach vollendetem 6. Jahre wurde ich der Stadtschule zugeführt die damals 3klaßig war und da stellte sichs nun heraus daß ich in die 3. Klaße nicht ausgenommen werden konnte, weil ich durch den häuslichen Unterricht meines Vaters und Onkels bereits die Reife für die 2. Klaße erlangt hatte. So wurde ich denn in die 2. Klaße aufgenommen mit der Aussicht nachdem ich die 2 Klaßen der Volksschule durch gemacht hätte der Realschule zugeführt zu werden was denn auch später geschehn ist.

Kurze Zeit nach meinem Eintritt in die Schule, begannen auch die für mich meine Mutter und meine ältere Schwester schrecklichen Jahre in unserm Hause. Meinen Vater hatte die Leidenschaft des Spieles ersaßt und er benutzte jede Gelegenheit ihr nachgehen zu können und da er es hauptsächlich, mit einem profeßionellen Spieler unsrer Stadt zu thun hatte, so wurde er dann stets regelrecht ausgeplündert und wenn er dann erregt und auch etwas angetrunken nach Hause kam dann hat er an uns Kindern und an unsrer guten Mutter, in einer Weise gewüthet die ich mich schäme niederzuschreiben Daß bei solcher Wirthschaft unser Wohlstand immer mehr zurückging, liegt auf der Hand und der größte Fleiß meiner Mutter (und sie war Tag und Nacht unermüdlich in Haus Garten und Feld) vermochte die allmälige Verarmung nicht aufzuhalten. Hieraus erklärt sich auch die große
        
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