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XIII. Was wird aus der unehelichen Mutter? **

Full text: Uneheliche Mütter / Marcuse, Max

78 Großstadt-Dokumente Bd. 27. Uneheliche Mütter. 
moralischer Minderwertigkeit dar und damit häufig den 
Anfang sittlichen und infolge dessen auch materiellen 
Niederganges, der um so unvermeidlicher und um so 
mehr beschleunigt werden wird, je unverständiger und 
liebloser die etwaigen Angehörigen sich benehmen. Was 
ich früher speziell von den Jüdinnen im Vergleich zu den 
Christinnen gesagt habe, gilt in gewissem Sinne auch für 
die Mädchen der gebildeten Stände im Verhältnis zu 
den Angehörigen der unteren Schichten: ZHart darf an¬ 
nehmen, daß bei den gebildeten Mädchen öfter eine 
mangelhafte Veranlagung die Ursache für den unehe¬ 
lichen Verkehr abgibt, und das dokumentiert sich dann 
darin, daß sie auch einem wirklich sittlichen Verfall 
viel leichter ausgesetzt find. Das darf uns natürlich nicht 
verleiten, nun umgekehrt in dem unehelichen Verkehr und 
bei der unehelichen Mutterschaft der Mädchen höherer 
Stände auf eine besondere Unfittlichfeit zu schließen und 
besonders streng über eine solche Mutter zu Gericht zu 
sitzen. Daß wir oft zum gegenteiligen Verhalten ver¬ 
pflichtet sind, das zu begründen wird sich noch am Ende 
dieses Buches Gelegenheit bieten.*) An dieser Stelle 
sei nur darauf hingewiesen, daß man sich selbstredend 
hüten muß, den etwaigen moralischen Niedergang einer 
unehelichen Mutter aus höheren Kreisen nun immer mit 
einem eingeborenen ethischen Defekt erklären zu wollen, 
da, wie schon früher von mir betont worden ist, gerade 
ihnen durch ihre Familie und die Gesellschaft es tau¬ 
sendfach erschwert wird, sich aufrecht zu halten. So sehen 
wir die unehelichen Mütter der besseren und besten Kreise 
ein ganz besonders tristes Schicksal erleiden und nicht 
selten auf einer tiefen, wenn nicht der tiefsten Sprosse 
der moralischen Stufenleiter anlangen, auch wenn feine 
Rede von einer angeborenen Minderwertigkeit sein kann 
und das Mädchen das Opfer systematischer Verführung 
oder einer einzigen schwachen Stunde oder aber einer 
*) vgl. meinen Aufsatz „Zur Adoption unehelicher Kinder" 
— „Soziale Medizin und Hygiene" Bd. I, £}eft i2.
        
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