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XI. Was tut Berlin für seine unehelichen Mütter?*)**

Full text: Uneheliche Mütter / Marcuse, Max

68 Großstadt-Dokumente Bd. 27. Uneheliche Mütter. 
Zahlung von \0 eventuell 5 Mark Pflegegeld; für 6 Wo¬ 
chen vor und 6 Wochen nach der Entbindung 75 Mark. 
 Diese letztgenannte Anstalt ist hauptsächlich für R a- 
tholikinnen bestimmt, die vorher genannten haupt¬ 
sächlich für Evangelische. ZTitt dieser Beschränkung 
nach konfessionellen Gesichtspunkten steht der in diesen 
Anstalten herrschende Geist in Einklang, für den die ste¬ 
reotype Wiederkehr des Wortes „gefallen" bezeichnend 
ist; daß überdies in den meisten der genannten Anstalten 
nur „e r st rrt a 1 i g Gefallene" Hilfe finden, ist umso unge¬ 
rechter, als die Not und Ratlosigkeit bei einem etwaigen 
zweiten und dritten Rinde eine erst recht maßlose sein 
samt. Der Ton, auf den diese Institutionen gestimmt sind, 
ist annähernd derselbe wie der in den sogenannten „Mag- 
dalenenstiften" und „Rettungsheimen"; seine Voraus¬ 
setzungen sind ebenso beschränkt, wie der von ihnen er¬ 
strebte Zweck mit fast absoluter Regelmäßigkeit verfehlt 
werden muß. — Nur für die Anstalt der Heils¬ 
armee, die nicht nur „ausnahmsweise für Anders¬ 
gläubige" (und auch dieses nur vor allem aus taktischen 
Gründen) offen steht, sondern in der Tat nach meinen 
Eindrücken nicht nach dem religiösen Bekenntnis fragt, 
wo es Not zu stillen gilt, treffen die vorstehenden Aus¬ 
führungen kaum zu, wenn auch gerade hier systematische 
Versuche, die „Gefallene" durch fortgesetzte Bußpredig¬ 
ten wieder zu heben, eine große Rolle spielen dürften. 
Ein ethisch und sozialpolitisch viel weiter schauender 
Geist herrscht in der Wöchnerinnenunterknnft, Blu¬ 
menstraße 78. Zwar werden auch hier unverheiratete 
Mütter nur nach ihrer ersten Entbindung aufgenom¬ 
men, aber nicht aus den für die anderen genannten 
Institutionen maßgebenden Gründen, daß diejenigen 
Mädchen, die schon zum zweiten Male uneheliche Mutter 
geworden sind, nicht „würdig" seien, daß ihnen geholfen 
werde, sondern aus der Erkenntnis der Notwendigkeit 
heraus, daß angesichts des enormen Materials eine 
grundsätzliche Beschränkung irgendwie stattfinden muß. 
3u dieser Anstalt finden Entbindungen nicht statt, son-
        
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