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X. Die uneheliche Mutter und ihr Kind *****

Full text: Uneheliche Mütter / Marcuse, Max

60 Großstadt-Dokumente Bd. 27. Uneheliche Mütter. 
Namentlich während und nach der Entbindung wett¬ 
eifern die prostituierten in solchen Gunstbezeugungen. 
Sie streiten sich darum, wer die Wäsche des Rindes rei¬ 
nigen, wer die Mutter pflegen werde. Alles, was sie be-- 
fitzen, geben sie willig und freudig hin. Mächst nun das 
Kind heran, so fehlt es nicht an Wiegefrauen. Man reißt 
sich um das Bebe, so daß die Mutter nicht mehr fjerr 
über ihr Rind ist ... . 
Die prostituierte ist empört, wenn eine Mutter ihr 
Rind nicht selbst aufzieht, und sie versäumt keine Gelegen¬ 
heit, hierüber ihrem Unwillen Ausdruck zu verleihen. 
Sie sucht einen gewissen Ruhm in der sorgfältigen und 
gewissenhaften Erfüllung ihrer Mutterpflichten. Es gibt 
wohl keine besorgteren Mütter, als die prostituierten es 
sind, sowohl was die Pflege ihrer eigenen wie auch die 
der angenommenen Rinder betrifft. Line hatte ein Rnäb- 
tein von einem Monat verloren und wurde fast wahn¬ 
sinnig vor Kummer, sie beruhigte sich erst, als man ihr¬ 
em Findelkind gab. (Eine andere, welche ihre eigene 
Wohnung hatte und ins Gefängnis wegen einer Schlä¬ 
gerei kam, mußte ihr Rind zu Haufe lassen. Der Kummer 
hierüber war so groß, daß sie langsam dahinsiechte 
(Eine sorgsame Beobachtung der einschlägigen Ver¬ 
hältnisse, soweit sie das Verhalten der unehelichen Mut¬ 
ter zu ihrem Rinde betreffen, ergibt zweierlei: Diejenigen 
Mütter, die das Rind in ihre unmittelbare Obhut neh¬ 
men, gehören fast ausschließlich solchen Berufen an, 
welche es ermöglichen, zu Hause zu arbeiten; und 
andererseits: daß Mütter, die ihr Rind in pflege geben, 
hauptsächlich durch ihren Beruf dazu gezwungen sind. 
wir gewinnen daraus, in Uebereinstimmung mit der 
dieses ganze Buch gleichsam als Leitmotiv durchziehen¬ 
den Erkenntnis, die Ueberzeugung, daß es soziale, 
also außerhalb des perfönlichfeits* 
wertes der Mutter gelegene Umstände sind, die 
das Verhalten der unehelichen Mutter und des Rindes 
Zukunft bestimmen. Traurig und zur Vertiefung des 
sozialen Gewissens und zum wecken sozialen Verständ-
        
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