Path:
X. Die uneheliche Mutter und ihr Kind *****

Full text: Uneheliche Mütter / Marcuse, Max

58 Großstadt-Dokumente Bd. 27. Uneheliche Mütter. 
fels, in wissenschaftlichen Abhandlungen gelehrter Pro¬ 
fessoren und den pathetischen Kanzelreden frommer Prie¬ 
ster, — überall wird die Heiligkeit der Mutterliebe, die 
Unzerreißbarst des Mutter und Kind umschlingenden 
Bandes verherrlicht; die Unnatürlichkeit gegeißelt, wenn 
Mutter und Kind einander fremd sich gegenüberstehen. 
Und dennoch: der unehelichen Mutter entreißt man ihr 
Rind; und läßt man es ihr, so weist man spöttisch oder 
verächtlich mit Fingern aus sie, nennt sie eine Gefallene 
und das Kind einen Bankert. Und doch ist für die un¬ 
eheliche Mutter tausendmal mehr als für die eheliche das 
Kind vorausfetzüng und Bedingung, nicht nur für ihr 
Glück, sondern auch für ihren Wert als brauchbares 
Mitglied der menschlichen Gesellschaft, als sittliche Per¬ 
sönlichkeit. — 
So muß man F. 5 i e b e r t *) wohl Recht geben, 
wenn er einem Mädchen, das ein Liebesverhältnis ein¬ 
gegangen ist, den Rat gibt, nicht zu versuchen, die Emp¬ 
fängnis zu verhindern. Sie weiß nie, wie sie sich da¬ 
durch des wahren Schatzes ihres Lebens beraubt. Und 
noch unumschränkter darf man ihm beistimmen, daß er 
manchem Mädchen, das ein Kind hatte, vorn Heiraten 
abgeraten hat, „denn, wenn das Mädchen einen sicheren 
und guten Verdienst hat, ist sie und ihr Kind, und wenn 
es sich schickt, ein zweites Kind oft besser aufgehoben, 
als wenn sie einen Mann heiratet, den sie nicht mehr 
liebt, und der den größten Teil seines mäßigen Ver¬ 
dienstes ins Wirtshaus trägt. Die Familie, die das 
Mädchen mit ihren Kindern gründet, ist häufig eine 
durchaus bessere als diejenige, die zustande käme, wenn 
sie — ihrer Kinder wegen — ihren guten Ruf durch eine 
Heirat rettete." Daß es sich bei dieser Ansicht beileibe 
nicht um einen allgemeinen oder auch nur in weiterem 
Umfange gültigen Grundsatz handeln kann, geht aus 
den früheren Darlegungen zur Lvidenz hervor; daß an« 
*) Sexuelle Moral und sexuelle Hygiene, Frankfurt a. M.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.