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X. Die uneheliche Mutter und ihr Kind *****

Full text: Uneheliche Mütter / Marcuse, Max

54 Großstadt-Dokumente Bd. 27. wreheliche Mütter.

ehelichen Mütter bei kritischerer Betrachtung vielleicht nicht, wissen wir doch aus alltäglicher Beobachtung und begreifen wir es doch von psychologischen Gesichtspunkten vollkommen, daß wir an dem Ding und vor allem an dem ZUenschen, um derentwillen wir ein Martyrium erleiden, mit doppelt heißer Liebe und Eingebung hängen. Andererseits setzt dieser seelische Effekt eine körper-liche und psychische Widerstandsfähigkeit gegen äußere Widrigkeiten und innere Depressionen voraus, wie wir sie nur bei st a r k e n Menschen finden. Starke Menschen aber gibt es überall nur in geringer Zahl, und bei den unehelichen Müttern zwar keineswegs weniger, aber auch nicht wesentlich mehr als bei den ehelichen. So ist es nur leider zu verständlich, wenn wir viele uneheliche Mütter selbst vor den scheußlichsten verbrechen des Rindesmordes nicht zurückschrecken sehen; die unsagbare Not des Leibes und der Seele, die von dem Rinde her über die uneheliche Mutter kommt, läßt solche Pläne und Lnt-schlüsse reisen, wie sie uns feist täglich die Zeitungen im trockenen Neporterstil berichten, hinter denen sich aber eine der furchtbarsten Tragödien zu verbergen pflegt. DetlevvonLiliencron läßt in seinem dem Leben treu nachgedichteten Noman „Mit dem linken Ellenbogen" das arme Schwabenmadel selbst seine Geschichte erzählen:

„Als ich, meinen Sohn auf dem Arm, aus dem Hause auf die Straße trat, schwellte mich ein stolzes Gefühl: 3ch muß jetzt allein durch die Welt, ich muß für mein Rind sorgen; und ich will es. Allein, ja! )ch hätte mich durchgekämpft! Aber das Hindernis war mein Söhnchen. wo ich anklopfte, fast immer bekam ich zur Antwort, daß ich allein willkommen fei, daß ich mein Rind in Pension geben solle. Aber das wollte ich nicht. Niemals hätte ich es von mir gegeben. Und so begann mein Rampf. — Mein erster Gang damals war zu meinem Vater. 3ch setzte ihm alles auseinander. Lr wurde nicht jähzornig, er blieb ruhig und gut. Bei ihm zu wohnen, ging nicht an, weil er nur ein Stübchen besaß.
        
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