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X. Die uneheliche Mutter und ihr Kind *****

Full text: Uneheliche Mütter / Marcuse, Max

X. Die uneheliche Mutter 
urtb ihr Kirtb m m m m 
Eines der wiä^tigsten Ergebnisse, welche die sozio¬ 
logische Betrachtung des vorliegenden Problems zeitigen 
muß, ist, daß es — horribile dictu I! — für die Zukunft 
des unehelichen Rindes, für seine körperliche, geistige und 
sittliche Entwicklung erheblich besser i st, seine 
Mutter stirbt, als daß sie (unverehelicht) 
am Leben bleibt. Gibt es eine schrecklichere An¬ 
klage gegen Staat und Gesellschaft, als diese Tatsache? 
Gegen Staat und Gesellschaft sage ich, weil keine Rede 
davon sein kann, daß etwa die uneheliche Mutter an und 
für sich nicht zur Erzieherin und Bildnerin ihres Rindes 
taugt, sondern, weil lediglich die äußeren Verhältnisse ihr 
verbieten, Mutter zu sein; sie zwingen, ihr Rind zu ver¬ 
leugnen, es fremden Menschen zu überlassen, seine Ent¬ 
wicklung zu vernachlässigen und womöglich den Tod des 
Rindes zu wünschen, das ihr vor aller Welt das Brand¬ 
mal der Schande aufprägt. Sie darf nicht Mutter fein. 
Da muß es denn unsere bewundernde Anerkennung in 
höchstem Maße herausfordern, wenn wir sehen, wie viele 
uneheliche Mütter, trotzdem sie schon von der in ihrem 
Schoße keimenden Frucht nichts anderes als Not und 
Jammer zu erwarten haben, trotzdem das werdende Rind 
in ihnen keine anderen Gefühle als Verzweiflung nnd 
Furcht erwecken kann, dennoch ihr Rind mit unendlicher 
Liebe und Treue umgeben und ihre Mutterxflichten an 
ihm oft nicht nur unter tausendfach schwereren Opfern, 
sondern auch mit weit liebevollerem Verständnis und 
sorgsamerer Gewissenhaftigkeit erfüllen als Hnnderttau- 
sende von ehelichen Müttern. Ganz so wunderbar, wie 
da 5 scheinen könnte, erweist sich die Mutterliebe der un*
        
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