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XVI. Ethisches

Full text: Uneheliche Mütter / Marcuse, Max

XVI. Ethisches.

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wohnt sind. Und „man vergesse nicht", — sagt Frida von Bülow *) —, „der Drang, sich rückhaltlos hinzugeben, wo es liebt, ist gewiß jedem Weibe natürlich, wie dieser Trieb sich ausmachst, ist Sache des Naturelles, aber auch der Erziehung und Belehrung. — Lins ist gewiß: wenn ein wirklich liebendes Weib ehrbar bleibt — ehrbar irrt Sinne der gesellschaftlichen Moral, so ist es das verdienst oder die Schuld des Mannes allein!!" Und wenn selbst weitschauende und verständige Männer**) zu dem Urteil geneigt sind, daß es von um so größerer Unsittlichst zeuge, je höher die soziale Sphäre ist, der die uneheliche Mutter angehört, weil damit die Aussicht und die Absicht auf eine Heirat mit dem Pater des Kindes desto geringer zu sein pflegt, so bedeutet diese Auffassung einen schweren fundamentalen Irrtum, der in seiner Konsequenz zur Sanktionierung der herrschenden Moral führen muß. Gerade weil das Mädchen aus höheren Ständen durch den unehelichen Verkehr einen weit größeren verstoß gegen Sitte und verkommen begeht und ihre ganze Existenz in weit höherem Maße gefährdet, beweist sie einen starken moralischen Mut, einen ernsten selbständigen willen und eine stolze Gpferfreudigkeit, die das Merkmal einer sittlichen Persönlichkeit darstellen — — vorausgesetzt natürlich, daß nicht Leichtfertigkeit und Gedankenlosigkeit, sondern bewußtes Verantwortlichkeitsgefühl die Hindernisse überwinden ließ.***)

(Ein Rückblick auf die von mir geschilderten Typen, auf die sozialen und vor allem psychologischen Voraussetzungen muß beweisen, wie verschiedenartig der Mensch in seinem werte ist, dem wir unter den unehelichen Müttern begegnen. Und nur der Mensch ist's, dem unser Urteil gelten darf. Hunderte von unehelichen Müttern stehen uns dann als ethische Persönlichkeit

*) (Einsame Frauen, 124—125.

**) vgl. Spann (u. a.) a. a. G.

***) Dgl. Max Marcuse: „Zur Adoption unehelicher Kinder" a. a. ®.
        
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