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XVI. Ethisches

Full text: Uneheliche Mütter / Marcuse, Max

\02 Großstadt-Dokumente Bd. 27. Uneheliche Mütter.

ratung in den sozialen Organismus einer eigenen Familie einzutreten, dann würde die Brandmarkung der unehelichen Mutter zwar auch nicht gerechtfertigt erscheinen, aber doch viel von der Brutalität und Lächerlichkeit verlieren, die unter den gegenwärtigen Verhältnissen einer solchen Anschauung anhaften. Die Gedankenlosigkeit und Verwerflichkeit der konventionellen Geschlechtsmoral ist evident. Ihre größte Fehlerquelle liegt in ihrer dogmatischen Art. L s gibt kein allgemein gültiges Axiom, nach dem die unehelichen Mütter alle dieselbe Note bekommen dürfen, sondern der einzelne Mensch darf seine eigene Beurteilung fordern und eine gerechte Würdigung der speziellen psychologischen und sozialen Voraussetzungen verlangen, die gerade ihm den weg gewiesen haben, den er ging. Und so mannigfach, wie diese Voraussetzungen sind, so verschieden ist der sittliche Wert der unehelichen Mütter, wem wird es einfallen, das beklagenswerte Mädchen, das einem Wüstling zum Gpfer gefallen und vergewaltigt worden ist, auszustoßen? Dazu würde denn doch wohl eine Roheit der Gesinnung gehören, die nicht oft zu finden ist. Aber man bedenke, daß es außer der p h y s i s ch e n auch eine psychische Vergewaltigung gibt. die nicht weniger sicher ihr Ziel zu erreichen weiß. Auch in diesen Fällen ist das Gpser schuldlos, denn die Schwäche muß der Stärke erliegen. Das ist e i n Naturgesetz, überall und immer gültig. Und die Macht der Suggestion, der Suggestion vor allem, die das eine Geschlecht auf das andere ausübt — ist sie nicht die treibende Araft

für alles Weltgeschehen? Ist aber das Mädchen

nicht die Vergewaltigte oder verführte, sondern hat sie sich in freier Entschließung dem Manne ihrer Liebe geschenkt, so wird der sittliche wert ihrer Persönlichkeit durch die etwaige Folge einer Mutterschaft selbstredend nicht geschmälert. Ist diese Folge gewollt und e r -sehnt, so läßt das sogar auf hohe ethische (Qualifikationen schließen, zu denen wir doch Rindessehnsucht und Mutterliebe einer Frau in erster Reihe zu rechnen ge-
        
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