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XVI. Ethisches

Full text: Uneheliche Mütter / Marcuse, Max

XVI. Ethisches.

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gischen, geschweige denn im ethischen Sinne zu. Denken wir an den krassesten Lall einer Vergewaltigung, vergegenwärtigen wir uns, wie häusig in proletarischen Kreisen die schon ohnedies zermürbte Frau von ihrem betrunkenen Ehemann gemißbraucht wird, wie häufig in höheren Ständen in kalter, seelenloser Erfüllung „ehelicher pflichten" ein Rind gezeugt wird, denken wir auch getrost an die Mehrzahl der unehelichen Vereinigungen, die in gedankenloser Leichtfertigkeit oder sittlicher

Verderbnis erfolgen wo in aller Welt liegt das

verehrungswürdige in einer auf diese Weise zustande gekommenen Mutterschaft?! Nein! nicht an uud für sich ist eine jede Mutterschaft eine hohe ethische Tat, sondern einzig und allein darauf muß der Ton gelegt werden, daß die Lrage, ob sie in dem einzelnen Lalle den Anspruch auf diese Bewertung erheben darf oder nicht, — nicht davon abhängt, ob sie ehelich oder unehelich ist. 3ch sage: „in dem einzelnen Lalle", weil, wie ich schon ausgeführt habe, ganz allgemein betrachtet, die uneheliche Mutterschaft angesichts der für gewöhnlich durch sie hervorgerufenen Effekte das Merkmal der Sittlichkeit rt i ch t an sich trägt. — Nun aber die uneheliche Mutter in ihrem Persönlichkeitswert: wollen wir uns nicht lächerlicher Gedankenlosigkeit und heuchlerischen Pharisäertums schuldig machen, so stehen wir hier vor der Aufgabe, lediglich über den unehelichen Geschlechtsverkehr des Weibes ein Urteil zu gewinnen. Denn es kann natürlich auf unsere Bewertung der Persönlichkeit nicht den geringsten Einfluß ausüben, ob der Geschlechtsverkehr zur Befruchtung und weiterhin zur Mutterschaft führt, oder nicht. Ft das doch eine dem „willen der Parteien", speziell des weiblichen Partners, entzogene Folge, die für die sittliche Beurteilung des Umganges völlig außer Betracht bleibt. )m Gegenteil! wir können im allgemeinen mit gutem Grund behaupten, daß im großen und ganzen denjenigen Mädchen, die uneheliche Mütter werden, ein zweifellos höherer sittlicher Wert zukommt als denen, die den unehelichen

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