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Kapitel V. Liebeszigeunertum in der Lyrik. - Neurotiker -. Sadismus und Mänadentum. Der Zwang der Mode. Das "dritte Geschlecht". Spielen die Homosexuellen eine Rolle in der Frauenbewegung?

Full text: Bilderstürmer in der Berliner Frauenbewegung / Mensch, Ella

54 Grotzstadt-Dokumente Bd. 26. Bilderstürmer. 
der die Kräfte der Guten und Ehrbaren lähmt, denn er 
will nicht das Wohl seiner Bürger, sondern sein eigenes". 
Der Staat ist auf einmal zum schrecklichen antiken 
Fatum geworden, das auf der Menschen Schicksal lastet 
und jede freie Entwicklung hemmt. Es ist keine Rede 
mehr davon, daß sich im Staate der Ordnungssinn und 
das Rechtsbewutztsein der Gesamtheit verkörpert! j 
Die Antwort aus die Frage: „Was ist Recht?" 1 
lerntet meist negativ: „Recht ist nichts, was mich irgend¬ 
wie in meinen persönlichen Glücks- und Daseinsansprüchen 
stören oder beeinträchtigen kann." Und somit wird alles 
abgelehnt, was in der Form des Gesetzes auftritt. Ist 
der Staat mit seinen Gesetzestafeln ein Unrecht dem ein¬ 
zelnen gegenüber, so ist vor allem auch die Einrichtung, 
aus welcher er seine Hauptkrast zieht, die Familie, die 
Ehe, fehlerhaft und kann zugunsten einer freien, ungebun¬ 
denen Lebens- und Liebesgemeinschaft aufgegeben werden. 
Neu sind die Ansichten nun keineswegs. Neu an ihnen 
ist höchstens, daß sie auch in so vielen Frauenköpfen Ein¬ 
gang gesunden haben, daß eine Schar von Frauen, von 
„Dichterinnen" ihre Lyra aus diesen Ton eingestimmt haben 
und sich als Konkurrenten von Earmens Weisheit gebärden: 
„Die Liebe von Zigeunern stammet, 
Fragt nach Sitte nicht, Gesetz und Macht." 
Dieses Liebeszigeunertum vertritt wohl am aus¬ 
giebigsten Margarete Veutler. Ihre Lyrik gefällt 
sich in Situationen wie „An den Kommenden": 
„Du wirst ein Kind der Liebe sein, 
Gin kleiner Vagabund, 
Kriegst Vaters trotzigen Lockenschein 
Und Mutters Sehnsuchtsmund. 
Kriegst Mutters schnellen Wanderblick 
Und Vaters starke Hand, 
Kriegst Vaters lachendes Liebesglück 
Und Mutters Märchenland.
        
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