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Kapitel V. Liebeszigeunertum in der Lyrik. - Neurotiker -. Sadismus und Mänadentum. Der Zwang der Mode. Das "dritte Geschlecht". Spielen die Homosexuellen eine Rolle in der Frauenbewegung?

Full text: Bilderstürmer in der Berliner Frauenbewegung / Mensch, Ella

Wir sollen diese Lyrik rein künstlerisch empfinden, sagt man uns, sollen uns zu ihr als „Ästheten", als naiv Aufnehmende und Genießende stellen. Das können wir aber nur, wenn wir uns wirklich rein künstlerisch berührt fühlen. Das ist jedoch nicht der Fall bei einer erotischen Lyrik, die durchweg extreme Tendenzliteratur ist und die uns fortwährend verstimmt durch dieVerzerrung des Weltbildes, die sie braucht, um einen Untergrund für ihre subjektiven Gelüste und Entgleisungen zu finden.

Erst konstruiert man sich ein Gesellschaftsbild, geschaffen von den dumpfen, rückständigen Geistern, von Barbaren, Lügnern, Despoten, fanatischen Priestern, ungerechten Richtern, engherzigen Philisterseelen — und dann polemisiert man forsch, frei, unbeeinflußt von jedem Sachverständnis, gegen diese traurige „Dunkelwelt." Ungeheuer bequem! Das entfesselte Individuum, ausgestattet mit bescheidenem Intellekt, berauscht sich an all den „Schlagworten," die da herumfliegen, und will keiner Autorität sich beugen. Alles, was nach „Aufsicht" oder „Erziehung" aussieht, wird sofort unter die Rubrik: „Zwang", „Druck", „Bevormundung" eingereiht.

Wilhelm Uhde gibt in seiner Tagebuchgeschichte „Aus den Papieren eines Dreißigjährigen" dieser Zeitstimmung folgenden Ausdruck: „Und ich zerquäle meinen Geist mit der Frage, ob ich die Jugend mir verdarb durch eigene Schuld oder ob es die Zeit ist, die die Besten von heute zugrunde richtet. Denn viele teilen mein Schicksal. In dumpfer Lust freudeloser Arbeit lebten sie dahin und rächten sich dafür durch das Übermaß wilder Freuden, verbrannten sich ihrer Jugend Flügel an der Flamme zügelloser Nächte. Wer hat die Schuld? Vielleicht der Staat,
        
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