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Kapitel IV. 1. Der Sexualrausch und die Zerrbilder, die er hervorruft. 2. "Die alte Jungfer" und ihre Neubelebung. 3. Hexensabbat in der Literatur. 4. Erotische Belletristik und ihre Aufnahme der Presse und Publikum.

Full text: Bilderstürmer in der Berliner Frauenbewegung / Mensch, Ella

Der Sexualrausch.	39

„Das Recht auf Mutterschaft" — „der Schrei nach dem Kinde", das war die Tonart, auf welche die neue Melodie sich einstellte.

Wunderliche Schwärmer!

Als ob je ein Mensch in Gottes Welt dieses Recht den Frauen hätte einschränken oder nehmen wollen!

Wenn man nach nichts anderem strebte, als daß jede Grete ihren Hans fände — bedurfte man der Frauenbewegung wahrlich nicht.

Doch da tauchte plötzlich noch ein Nebenton auf, ein Ton, der ganz nach dem vorvorigen Jahrhundert sich anhörte. Schließlich war doch nur das Weib, das auch als Geschlechtswesen sein volles Recht gefunden, sein „volles Menschendasein" gelebt, der wahre Vollmensch, einzig und allein berufen, an dem großen Heilswerk der Frauenemanzipation erfolgreich mitzuwirken.

Mit Mitleid oder Mißtrauen betrachtete man die „Zölibatärin". Man sprach auf einmal, unsachlich und unhistorisch, von einem „Zölibat der Lehrerinnen", von der „Grausamkeit", die allen denen angetan würde, welche sich ihren Beruf, ihre Anstellung aus Kosten ihres höchsten Menschenrechtes erkaufen müßten!

Und dann zog man die letzte Konsequenz und riskierte die Behauptung, daß am Ende doch nur die Frau, die Kinder geboren, die beste und berufenste Erzieherin sei. Auf den „Mann als Erzieher und Lehrer" übertrug man freilich diese Weisheit nicht, übersah auch die Tatsache, daß Tausende von Müttern ihre Kinder Unverheirateten anvertrauen und diese sich unter der Obhut ihrer „Fräuleins" meist sehr wohl befinden. Wir konnten all diese Harlekinssprünge mit Gemütsruhe ertragen, auch das kuriosum, daß man dem preußischen Staat die österreichischen Schulverhältnisse, wo verheiratete Frauen öffentlichen Schuldienst leisten dürfen, als Muster
        
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