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Kapitel IV. 1. Der Sexualrausch und die Zerrbilder, die er hervorruft. 2. "Die alte Jungfer" und ihre Neubelebung. 3. Hexensabbat in der Literatur. 4. Erotische Belletristik und ihre Aufnahme der Presse und Publikum.

Full text: Bilderstürmer in der Berliner Frauenbewegung / Mensch, Ella

Eine zügellose erotische Belletristik war die Be¬ 
gleiterscheinung dieser merkwürdigen Entgleisung. Das 
Publikum erstaunte billig über diese Fülle gedruckter 
Brunstgefühle, mit denen es plötzlich bestürmt wurde. 
Anfänglich kaufte es auch von dieser „Literatur", denn 
die Sache war zum mindesten neu. Wer hätte geglaubt, 
daß so viel unterdrücktes, gequältes, von Liebeshunger 
gepeinigtes Weibtum herumseuszte, nein nicht mehr 
seufzte, sondern seinen Jammer in Vers und Prosa laut 
in alle Welt hinausschrie! Überraschend kamen diese 
Schreie besonders der Männerwelt; sie patzten so gar 
nicht zu dem Weibideal, das man sich bisher konstruiert 
hatte, man hatte also ein ganz verkehrtes Ideal besessen. 
Die Frauen mutzten jedenfalls am besten Bescheid 
wissen über ihr eigentliches Fühlen und Denken. Vielleicht 
trat jetzt erst die eigentliche, die „wahre Frauenfrage" in 
Erscheinung, die „Iungfrauennot", wie Frenssen es nennt. 
Da konnte der Mann doch unmöglich verständnislos oder 
sympathielos bleiben. Gin Teil der Presse, der bis dahin 
wenig oder gar nichts mit der Frauenbewegung anzufangen 
gewußt, pflichtschuldigst hie und da einen neuen weiblichen 
„Doktorhut" oder eine größere Vereinsversammlung notiert 
hatte, wurde plötzlich warm. Wenn die Sache dieses Antlitz 
gewann, ließe sie sich ja für das Leserpublikum interessant 
und pikant nach allen Richtungen gestalten. 
„Das sieht schon besser aus! Man sieht doch wo
        
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