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IV. Lesbische Liebesbriefe

Full text: Die Tribadie Berlins / Hammer, Wilhelm

IV. Lesbische Liebesbriefe. 57 
Mit welcher Wärme die Freundin geliebt wird, zeigt 
der letzte Abschnitt des Tagebuchs: „Dem Glück meines 
Lebens". 
Weshalb schrieb das Mädchen das Tagebuch? Wohl 
nicht in der Absicht, mir eine Freude zu machen ober mich 
über ihr Leben zu unterrichten; wahrscheinlich aus dem 
Triebe heraus, die in ihr verborgenen Gedanken zu offen¬ 
baren, sei es auch nur dem Papiere, dann wohl auch, um 
sich der Freundin anzuvertrauen. 
Die Handschrift ist stark liegend bis zu einem nach 
rechts offenen Winkel von 37°. Die Knoten des kleinen 
t, f, k fehlen, U-bogen sind offen, Druckpunkte mit Ver- 
schmierungen sind zahlreich vorhanden, so daß die Hand¬ 
schriftdeutung auf Schlaffheit, starke Ausbildung des Ge¬ 
fühlslebens, Sinnlichkeit schließen läßt. Irgend ein An¬ 
haltspunkt für stark ausgeprägte Lügenhaftigkeit ist in der 
Schriftprobe nicht vorhanden, wohl aber ein Zeichen großer 
Zerfahrenheit. (Die Mittel-, Ober- und Unterlängen der 
Buchstaben verlaufen nicht gleichgerichtet, sondern streben 
nach verschiedenen Richtungen auseinander.) 
Das Mädchen war im Alter von 16 bis 17 Jahren 
übermittelgroß, fettreich von jenem guten Ernährungs¬ 
zustände, wie er bei Erziehungshäftlingen nicht selten ist, 
reichlicher Fettbildung, schlaffer Muskulatur. Sie sah älter 
aus und hatte einen deutlichen Ansatz zur Schnurrbart- 
bildung. 
Ihre Stiftsfteundin, die das Tagebuch vollendete, 
stammte aus einer begüterten Familie. Der Vater hätte, 
wie berichtet wurde, leicht die kosten für die Verlängerung 
der Erziehungshaft bis zum 24. Jahre tragen können, ja 
300 Mark monatlich soll er, seinem Vermögen entsprechend, 
für seine Tochter haben ausgeben können. Sie beging, 
als sie mit Zustimmung des Vaters bis zum 24. Jahre in 
Erziehungshaft zurückbehalten werden sollte, „in der schwer¬ 
sten Stunde ihres Lebens" einen Selbstmordversuch durch 
Einschnitte in Haut- und Unterhautfettgewebe in der Ge¬ 
gend beider Handpulsschlagadern (radiales). Als ich sie 
verband und nach dem Grunde ihres Kummers fragte, 
äußerte sie: „Mein Vater kann mich nicht lieb haben, da 
er selbst gewünscht hat, daß ich bis zum 24. Jahre ein-
        
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