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IV. Lesbische Liebesbriefe

Full text: Die Tribadie Berlins / Hammer, Wilhelm

IV. Lesbische Liebesbriefe. 53 
Die Beschreibung einfacher Naturkörper ist ihr nie 
gelungen. 
Obgleich sie schon ihren Lehrerinnen als üppiges, sinn¬ 
liches Mädchen auffiel, konnte sie nicht genügend turnen, 
es fehlte ihr offenbar an Kraft und Tatkraft, vielleicht auch 
an Gewandtheit. 
Hingegen genügte sie im Zeichnen und Schreiben, im 
Singen leistete sie mehr, als die Durchschnittsforderung 
beträgt. 
Seelenärztlich gesprochen, scheinen ihr von Jugend auf 
stark zusammengesetzte Vorstellungen („komplizierte Be¬ 
griffe") gemangelt zu haben, während die Gefühlstöne der 
Vorstellungen lebhafter entwickelt waren. Diese lebhaften 
Gefühlstöne scheinen ihr Betragen ungünstig beeinflußt zu 
haben. Ausdauer in der Bildung von Vorstellungsgruppen 
(Assoziation) fehlte ihr offenbar deswegen, weil die Leb¬ 
haftigkeit der Gefühlstöne DenKhemmungen hervorrief, wie 
ja überhaupt schrille Gefühlstöne die Denktätigkeit un¬ 
günstig beeinflussen, sei es, daß tiefe Trauer das Denken 
lahmt, oder, daß ausgelassene Freude ein Überstürzen der 
Gedankenreihen hervorruft. 3m Singen konnte sie stark 
in Gefühlstönen schwelgen. Das entsprach ihrer Veranla¬ 
gung. Da leistete sie Gutes. Der Zeichenunterricht setzt 
schon etwas mehr Ausdauer voraus. Immerhin ermög¬ 
licht er auch ein Ausklingenlassen der Gefühlstöne. Da 
hatte sie genügende Leistungen, ebenso im Schreiben. 
Bei Betrachtung ihrer Leistungen mutz in Betracht 
gezogen werden, daß sie das Doppelte der vorgeschriebenen 
Zeit gebrauchte. Es fehlte ihr an Ausdauer (Fleiß: noch 
nicht genügend), Tatkraft, Zähigkeit zu dem, was wir gut 
nennen. Verhältnismäßig gut entwickelt find Schönheits¬ 
und Kunstinstinkte. (Singen: gut. Zeichnen: genügend. 
Schreiben: genügend. Abschreiben des an Geroksche Lyrik 
erinnernden Gedichtes am Anfange des Tagebuchs, Wert¬ 
schätzung schöner Kleidung, richtiges Verständnis für gute 
Unterwäsche mit 14 Jahren). Während sie zahlreiche Einzel¬ 
heiten ihres Liebeslebens noch nach drei Jahren im Ge¬ 
dächtnis hat, sind selbst einfache Zahlenangaben mangel¬ 
haft gemacht worden (die Nummer der Gemeindeschule 
stimmte nicht ganz, die Straßennummern, auch die Anzahl 
der Zimmer ihrer Wohnung sind unsicher angegeben, Ver-
        
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