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3. Ottilie Ehrlich, Schriftstellerin

Full text: Die Tribadie Berlins / Hammer, Wilhelm

3. Ottilie Ehrlich, Schriftstellerin.	31

für unnötig und wirkten aus sie ein, das Gymnasium aufzugeben. Die Dame selbst führt ihre Eigentümlichkeiten auf den Wunsch ihrer Eltern, einen Zungen zu erhalten, zurück, der bei ihrer Erzeugung und während der Schwangerschaft der Mutter sehr lebhaft gewesen sei.

3. Übersättigung im Geschlechtsverkehr, ewiger Hunger nach neuen, unerhörten Geschlechtsreizen scheint im vorliegenden Falle ebensowenig eine Rolle zu spielen, wie Verführung, Nachahmung oder mangelnde Möglichkeit der Auslösung geschlechtlicher Reize durch einen Mann. Selbstbefriedigung hat die Dame ihrer Angabe nach niemals getrieben.

4. Das ganze Auftreten der Dame, die ungenierten Antworten, die sie auf meine Fragen gab, machten auf mich durchaus nicht den Eindruck von Lügereien. Auch mir gegenüber hatte das Benehmen der Dame, die, auf beide Ellbogen gestützt, ihre Abendbrötchen verzehrte, einen mannesähnlichen Eindruck. Die Handschrift ist „geschlechtslos", d. h. sie ist weder typisch männlich, noch typisch weiblich. Zeichen, die bei Lügnerinnen oft getroffen werden (umgekehrte U-Bogen, Ausziehen von Buchstaben und Worten sowie überhaupt alle Zeichen des verschlossenen, unehrlichen Charakters) fehlen. Wenn den graphologischen Zeichen allein auch nicht unbedingtes Vertrauen geschenkt werden darf, so geben sie doch immerhin einen Anhaltspunkt ab, der bei vorsichtiger Verwertung, neben anderen Anhaltspunkten, in die Wagschale fallen kann.

5. Neben den mannesähnlichen, nicht männlichen Geisteseigentümlichkeiten hat sie auch noch Reste weiblicher Empfindung. Hierhin gehört ihre Freundschaft zu dem stürmischen Redakteur, den sie für einen „lieben Zungen" hält, für dessen Blatt sie, die sonst nüchterne, ruhig überlegende Verstandesnatur, Feuilletons schreibt,
        
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