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3. Ottilie Ehrlich, Schriftstellerin

Full text: Die Tribadie Berlins / Hammer, Wilhelm

24 Großstadt-Dokumente Bd. 20. Die Tribadie Berlins. 
Anderweitige Erkrankungen, namentlich auch Hysterie, 
konnte ich nicht nachweisen. 
Die Maßunterschiede der rechten und der linken 
Körperhälfte sind so erheblich, daß sie die Beachtung der 
Schneiderin fanden. Beide Eltern leben und sind gesund. 
Sie gehören den vornehmen Kreisen an und sind begütert. 
„Vater lebt, ist gesund; wenigstens tut er so." Sie haben 
keine Ahnung von der Geschlechtsabweichung ihrer Tochter. 
Als das Gespräch einmal auf die gleichgeschlechtliche Liebe 
gebracht wurde, redeten die Eltern von Irrenhaus oder 
Zuchthaus. Ottilie wuchs mit zwei jüngeren Schwestern 
zusammen aus, wurde nie erheblich geschlagen und er¬ 
freute sich guter Gesundheit. 
Vom sechsten bis sechzehnten Jahre besuchte sie, ohne 
sitzen zu bleiben, eine höhere Töchterschule. Über die 
Töchterschule äußerte sie sich abfällig. „Es kann etwas 
vernünftiger gedeichselt werden," erwiderte sie auf meine 
Frage, was zu ändern sei. 
Dann besuchte sie bis zum neunzehnten Jahre ein 
Mädchengymnasium, das sie ohne staatliche Prüfung 
mit den Kenntnissen, die man zur Reise für Prima 
benötigt, verließ. 
Damals hatte sie die Absicht, sich der Heilkunde zu 
widmen. „Ich wäre Kinderärztin geworden." 
Später äußerte sie: „Ich habe Beweise, daß Ärztinnen 
selbst vielfach homosexuell sind. Sie wollen es aber nicht 
Wort haben. Darum stelle ich mich lieber einem Arzte 
als einer Ärztin vor." 
Aber das Frauenstudium äußerte sie, sie sei Anhängerin 
der vollen Freigabe aller Fächer für die Frau, der 
wenigeil wegen, die studieren können. „Um Gottes willen 
sollen nicht alle studieren. Die bleiben doch alle weg, 
die meisten, die sind doch viel lieber zu Haus."
        
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