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2. Nora Kunst, Schauspielerin. (Nr. 113 meiner Akten)

Full text: Die Tribadie Berlins / Hammer, Wilhelm

2. Norä Kunst, Schauspielerin.	17

Geburtstag habe. Quartaner, Mitschülerin und der Bruder derselben erfüllten die ihnen zugewiesenen Ausgaben, und an dem Geburtstage prangte reicher Blumenschmuck im Zimmer der verehrten Lehrerin. Die Schulzeit verrann. Die Liebe hielt stand. Es galt nun, der Geliebten nahe zu bleiben. So besuchte Aora das Lehrerinnenseminar. Als einzige Tochter eines verstorbenen reichen Hausbesitzers hatte sie schon in dieser Zeit Gelegenheit zu heiraten. Doch kein Mann fand Gehör. Sie betrieb vielmehr mit Eifer ihre seminaristischen Studien und bestand die Lehrerinnenprüfung für höhere Töchterschulen. Mir ist noch heute ihre hagere Gestalt in Erinnerung. Ich sehe sie in ihrem schwarzen Kleide, hoch aufgeschossen, mit kreidebleichem Gesicht, ernsten, verschlossenen Zügen, die Pro-menadenwege mit schnellen, großen Schritten durcheilen, das Wachstuch mit den Büchern unter dem rechten Arm tragend. Die Zeit verrann. Die Liebe, die wohl ohne körperliche Auslösung blieb, erkaltete allmählich. Sie wich nicht den Anstürmen eines feurigen Iünglings, sondern wurde ersetzt durch eine neue Frauenliebe. Diesmal war eine Schauspielerin die Angebetete. Nora vergaß alle Rücksichten auf ihren ersten Beruf und begab sich zum Schauspielunterricht. Sie setzte auch die Erfüllung dieses Wunsches durch und erregte unter ihren Berussgenossinnen begreifliches Aufsehen. Während dieser ganzen Zeit lehnte sie jeden Heiratsantrag ab. Als ich sie zuletzt sah, lebte sie mit ihrem „Frl. Schwägerin" zusammen, der Verlobten ihres einzigen Bruders. Der Bruder, wenn ich nicht irre, Iurist, war Mitte der zwanziger Iahre plötzlich gestorben. Er hatte die Dame als seine Verlobte hinterlassen. Seine Mutter und seine Schwester nahmen sich der Verlobten, die sie ihrer häuslichen Gemeinschaft zuführten, an.

Grohstadt-Dokumente Bd. 20.

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