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Leute, die nicht schwören wollen

Full text: Sekten und Sektierer in Berlin / Buchner, Eberhard

46 Großstadt-Dokumente Bd. 6. Sekten und Sektierer in Berlin. 
allein zu dienen. Zllit \7 Jahren war er bereits von all 
seiner Schuld freigesprochen und lebte als ein heiliges Rind 
des Herrn. Da ging er eines Tages mit einer Kanne Wasser 
übers Feld. Ein Nachbar, der ihm nicht wohl wollte, stellte 
sich ihm in den weg, sodaß er sich gezwungen sah, einen Um¬ 
weg zu nehmen. Und nun stieg der freventliche Gedanke in 
ihm auf: warum läßt Gott so etwas zu, warum läßt er 
dem bösen Nachbar freies Spiel? Er war in die Sünde 
zurückgefallen. Line fromme Gemeinschaft nahm ihn in 
ihren Schoß auf und predigte ihm „die schlimme Irrlehre der 
täglichen Buße". 
„Als ob wir nicht heilige wären, sobald uns einmal 
die Sünde vergeben ist", fügte die kleine Näherin der (£r= 
zählung hinzu. 
In diesem Zustand lebte Kämmerling \o Jahre. Da fiel 
in einer Versammlung der heilige Geist auf ihn; er schwebte 
in höchsten Seligkeiten. Daheim angekommen, ging er in 
seinem Zimmer in tiefem Sinnen auf und ab. plötzlich sah 
er, daß neben ihm noch jemand ging; ihm immer treu zur 
Seite, wenn er sich dein Wesen zuwandte, war es ver¬ 
schwunden, aber sobald er wieder geradeaus ging, war es 
wieder zur Stelle. (!) Da erblickte er etwas Furchtbares: 
in schrecklicher Deutlichkeit lag ein menschliches Herz vor 
ihm auf der Lrde, uud darin wimmelte es von Getier aller 
Art: große Tiere, kleine Tiere, wilde Bestien ebensogut wie 
ekelhaftes Gewürm. 
Meine Näherin schilderte in den glühendsten Farben; 
aber sie war trotzdem nicht mit sich selbst zufrieden. „<£in 
Mensch kann es garnicht aussagen, wie entsetzlich das war. 
Bruder Kämmerling ist aufs tiefste erschüttert, so oft er 
davon spricht." 
Und ich hörte weiter: 
Bruder Kämmerling stutzte, hielt an. 
Der Andere neben ihm fragte: „was siehst Du?" 
„(£iii menschliches Herz", war die Antwort. 
„Und wie sieht es darin aus?"
        
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