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Die Totenbeschwörer

Full text: Sekten und Sektierer in Berlin / Buchner, Eberhard

22 Großstadt-Dokumente Bd. 6. Sekten und Sektierer in Berlin.

Stimme setzt ein, ziemlich tief, aber schon mit jenen kreischenden Knarr- und Schnarrtönen, die Furchtbares voraussehen lassen. Sie klettert immer mehr in die Höhe, wird immer lauter, immer eindringlicher, immer spitzer, bis sie in jeder dieser Beziehungen den Rekord erreicht hat. Dann kippt sie regulär über, man hört nur noch ein unverständliches Quietschen und Lallen und sieht wie der Leib der Prophetin sich in furchtbaren Zuckungen zusanunenkrampft. Mitunter läßt es diese aber dabei nicht bewenden: noch einmal versucht sie aus der Tiefe zu rufen, und der Vorgang, den ich eben geschildert, wiederholt sich dann Zug für Zug bis zu feiner sensationellen Schlußpointe. Zwei oder drei gottbegeisterte Seelen passen ungeduldig darauf, daß der Endeffekt eintreten möchte. Prompt setzen sie dann ihrerseits ein. Jeder versucht den andern totzuschreien, und erst nachdem sie dies Spiel ein Weilchen fortgetrieben haben, ergibt sich einer als besiegt, und entschließt sich dazu, den 2-lIund zu halten. Es kommt wohl auch vor, daß die Sache nicht nur dem Fremden, der solchen Treibens ungewohnt ist, zu viel wird, sondern daß sie selbst den Versammlungsleiter verdrießt; er gebietet dann £jalt und willig beugt sich der Geist seinem IDort. Der Aermste, der Versammlungsleiter, will ja auch sprechen, und er tut es nun, nachdem die Stimmen der Weissagung verstummt, mit einer Gründlichkeit und Unermüdlichkeit, die einer besseren Sache würdig wäre. Es ist Grundsatz der apostolischen Gemeinde, alle heiligen Handlungen nur unter direkter Einwirkung des Geistes vorzunehmen. So bereitet sich der Nedner auch absolut nicht auf seine Rede vor, sondern stellt sich einfach vor seine Zuhörer hin, und spricht, was ihm gerade durch den Sinn fährt. Ein geistig regsamer Mensch, der zugleich über rhetorische Begabung verfügt, mag sich ja an solchen Experimenten versuchen; aber die Redner der apostolischen Gemeinde, die Wirten, Bischöfe und Apostel, sind solche Leute nicht. Sie entstammen demselben Milieu wie ihre Zuhörer; tagsüber schustern sie oder flickschneidern sie, kutschieren oder schlachten Schweine; man kann es ihnen also nicht verargen, wenn sie am Abend nicht allzu viel
        
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