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Zur Psychologie des Sektierertums

Full text: Sekten und Sektierer in Berlin / Buchner, Eberhard

18 Großstadt-Dokumente Bd. 6. Sekten unb Sektierer in Berlin.

je schwächer und nichtssagender die des Anzusteckenden ist. Das heißt, je weniger direkter Widerstand der Ansteckung entgegengesetzt wird. Ich glaube, daß gerade auf religiösem Gebiete eine Ansteckung noch weit mehr in Frage kommt, als etwa auf künstlerischem, wissenschaftlichen,, selbst sittlichen, Felde, und zwar einfach aus dem Grunde, weil die Religion ohnedies mit Phantomen zu rechnen hat, die einer exakten Prüfung, einer verstandesmäßigen Beobachtung von vornherein widerstreben. So oder so, unkontrollierbar bleibt uns der Glaube, und es bedarf keiner besondern Erklärung, daß, wenn der Verstand nicht wache hält, eine Täuschung, eine Überrumpelung weit leichter zu bewerkstelligen ist, als int entgegengesetzten Falle.

Die Sekten rekrutieren sich zum größten Teil aus Leuten, die wir nur im beschränktesten Maße als urteilsfähig, überhaupt als selbständig Denkende gelten lassen können. Das Gros ihrer Anhänger ist nicht durch Ueberzeugung sondern durch Ansteckung gewonnen, und ich stehe nicht an, zuzugeben, daß die Pathologie bei diesen Erscheinungen ein ganz gewichtiges ZVörtlein mitzureden hat. 3. F. <£. Wecker sagt in der Einleitung zu seiner Geschichte der Volkskrankheiten des Mittelalters: „von allen Gemütsbewegungen wirken ganz offenbar die religiösen am meisten auf die Volksmassen; sie sind es daher vor allem, welche die Pathologie mit einer großen Menge höchst verschiedenartiger, unheimlicher, oft wunderbarer und schwer begreiflicher, deshalb auch selten oder fast nie verstandener Formen von Nervenkrankheiten versehen haben, und zwar bei Völkern der verschiedensten Bekenntnisse, von der antiken Götterlehre an bis auf die neusten christlichen Sekten." Und er gibt uns damit Gesichtspunkte, die wir für unser Thema, wollen wir es nicht einseitig beleuchten, durchaus im Auge behalten müssen.
        
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