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Zur Psychologie des Sektierertums

Full text: Sekten und Sektierer in Berlin / Buchner, Eberhard

Zur Psychologie des Sektierertums.	9

Wirksamkeit für die Sekten meist nur eine kurze, immer aber eine beschränkte, so darf man nicht die Fülle der geistigen Bedürfnisse, der diese Altäre ihr Dasein verdanken, und die Fülle geistigen Lebens, die sich in den auf ihnen dargebrachten Opfern dokumentiert, mißachten und unterschätzen.

Dem an Aufrichtigkeit gewöhnten Menschen ist ein unausrottbarer Abscheu gegen alle Lauheit und Halbheit eingepflanzt, warm oder kalt, beides läßt er gelten, Liebende will er sehen oder Hassende, aber solche, die sich zu keinem von beiden ganz entschließen können, die nicht wissen, ob sie sich nach rechts oder links schlagen sollen, die sind seinem Fühlen ein Greuel. Daß unsere Kirchen vielfach in erschreckendem Maße das Symptom der Halbheit anfweisen, weiß ein jeder, es ist zu aller Zeit so gewesen. In den großen Gemeinden der Kirche muß mehr oder weniger stets jedes persönliche Moment in den Hintergrund rücken oder ganz in Wegfall kommen. Der Begriff der Gemeinde, der vielleicht für unsere religiösen Gefühle als der wichtigste zu bezeichnen ist, muß in einer nach vielen Tausenden zählenden parochte nahezu illusorisch werden. Man kennt sich nicht, man steht in keinerlei Beziehung zueinander und von Gemeinschaft kann demnach keine Rede sein. Der Geistliche predigt einer bunt zusammengewürfelten Schar, er ist nur zu oft darauf angewiesen, allgemeinste Worte zu machen, allgemeinste Phrasen zu drechseln. Die Sekten haben von jeher den Begriff der Gemeinschaft hochgehalten. Sie haben etwas, sei es nun im Dogma oder int Kult, das sie von der großen Menge der Christen unterscheidet, und das führt sie dazu, sich einander innig nahe, sich einander verbunden zu fühlen. Das geistliche Ideal der Brüderlichkeit, der Nächstenliebe ist oft gerade in diesen von der Kirche Christi geschmähten Gemeinschaften zu verhältnismäßig lauterer und reiner Ausprägung gelangt.

Lall sind die Sektierer nicht, heiß sind sie. Sektierer sind immer Fanatiker. Das kommt vielleicht von der Kampfstellung, die sie notgedrungen einnehmen. Die Kirche betrachtet sie als ihre Feinde. Schon der Name, den sie ihnen gibt, soll ihnen ein Schimpfname sein. wenn der Geistliche das Wort
        
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