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Epilog Das Sumpfhuhn

Full text: Neu-Berlin / Edel, Edmund

Epilog. 
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durch die berühmtesten Lokale und durch die berühm¬ 
testen Kokotten. Es ist immer dosj elfte, man blättert 
wie in einem Katalog. Dieselbe Musik, dieselben Ball¬ 
häuser, dieselben Sektmarken und dieselben Frauen. Zur 
Erheiterung manchmal eine Keilerei mit einer Pistolen- 
sorderung als Endergebnis und andere in diese Art ein¬ 
schlägige Geschäfte. Und wenn dann der Großstädter 
morgens früh mit dem sausenden Auto in den fernen 
Westen eilt, wo sein liebendes eheliches Weibchen ängst¬ 
lich aus den Bummler gewartet, freut er sich, daß er 
nicht gezwungen ist, nächtelang hintereinander dieses 
„Nachtleben" zu absolvieren wie die Fremden, für die 
das noch ein Vergnügen ist. 
Berlins Nachtleben gehört der Provinz, von der es 
sich auch nährt. 
Berlin ist ein großes Sumpfhuhn. Das ist eine un¬ 
umstößliche wahre Tatsache, über die sämtliche Sittlich- 
keitskonferenzen zur Tagesordnung übergehen können. 
Aber wir sumpfen in Berlin, weil wir arbeiten. Wir 
arbeiten von morgens bis spät in die Nacht und müssen 
uns erholen. Ob die Stadt dabei gesundet, das ist eine 
andere Frage, die ich hier nicht zu erörtern befugt bin 
und wenn Mucker von Zeit zu Zeit öffentlich die Retter 
von Berlin spielen und die Neichshauptstädter mit den 
Hühnern zu Bett schicken wollen, so ist das ein Ver 
kennen der Sachlage. Solange Berlin Kraft und Saft 
hat, unt sich aus sich selbst zu entwickeln, wird auch die 
Kit ine Sumpfblume, das Nachtleben, auf feinem wohl- 
gedüngten Acker ohne Schaden für das Eefamtwohl 
wuchern. 
Wachse, blühe und gedeihe, mein Berlin? 
  6*
        
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