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"Kavaliere" Ein Modebrief an einen einsamen Afrikaner

Full text: Neu-Berlin / Edel, Edmund

72	Großstadt-Dokumente Bd. 50. Neu-Berlin.	__

Ich kann Ihnen nachfühlen. Lieber möchte ich ein Floh in Berlin fein, als ein Löwe in Afrika.

Ich will Ihnen ein paar Berliner Flohstiche versetzen. Sie hungern ja nach Berichten aus unserem Babel. Als Sie im letzten Sommer mit mir bei Iosty saßen und in Hellem Erstaunen aus das Großstadtleben blickten, versprach ich Ihnen, öfters in Ihr dunkles Dasein jenseits des Äquators ein paar Lichtblicke zu senden.

Flohstiche und Lichtblicke. Und vielleicht können Sie wieder einiges davon zur Aufbesserung der schwarzen Rasse verwenden, etwa den glockenförmigen Smoking oder das Mauscheln mit Aßzwang. Beides würde auch aus einem Liebesmahl bei einem Häuptling am Tsadsee außerordentlichen Eindruck machen.

Ich will Ihnen ein bißchen von unserem Treiben in Lebekreisen erzählen. Ein bißchen von unseren „Kavalieren", diesem neuesten Typus von Neu-Berlin.

Wissen Sie noch, Liebster, früher, als wir noch zusammen die Schulbank drückten, gab es für uns Zun-gens einen einzigen wirklichen Kavalier, den alten Wrangel. Wenn er auf seinem Schimmel durch den Tiergarten oder über die Charlottenburger Chaussee ritt und den Damen Kußhände und uns Kindern Bonbons zuwarf. Wie stolz war ich einmal, als er meine Mutter aus dem Fahrwege am Kanal mit ein paar Worten beehrte, und ich dabei sein Pferd mit krampfhaftem Mut streichelte. Das war ein richtiger Kavalier, und Haby brauchte nicht erst seine Barttracht zu erfinden, um einem solchen Manne den Stempel aufzudrücken.

Seither sind wir gewachsen. Wir sind „Wir" geworden. Wir sind nicht mehr bloß die „schnodderigen
        
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