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Kunst und Theater

Full text: Neu-Berlin / Edel, Edmund

52	Großstadt-Dokumente	Bd.	50.	Neu-Berlin.

aber mehr und mehr empfand er es als lästig, sich von der Bühne herab soziale Schäden demonstrieren zu lassen und er verlangte nach einer leichteren, angenehmeren kost. Wie alle Sensationen aus dem Auslande zu uns kommen, so kam das Sensationsstück auch über das Wasser und brachte den großen Theaterersolg. Und es ist merkwürdig, wie Menschen ernsthaft sich dramatisierte Hintertreppenromane ansehen konnten, dieselben Menschen, die kurz vorher aus Ibsen und Hauptmann abgerichtet waren.

So ist der Berliner: Er läuft den Sensationen nach und schwört aus seinen Leibkritiker. Wenn er des Morgens in seiner Zeitung ein Urteil über irgend eine Kunst-leistung gelesen hat, weiß er ganz genau, wohin er des Abends zu gehen hat. Und wenn ihm gar seine Verwandten, Bekannten und engeren Freunde erzählen, daß sie dort gewesen sind und daß es sehr schön gewesen wäre, so muß er auch hinlaufen. „Man muß es gesehen haben."

Einmal hieß es: „Man muß die Varrisons gesehen haben." So „mutz man alles in Berlin gesehen haben". Es wäre entsetzlich, für Leute die in Gesellschaft verkehren, wenn sie nicht über das neueste im Theaterwesen mitsprechen Könnten, und es ist direkt kompromittierend, wenn einer die großen Stars nicht gesehen hat.

Der Berliner ist zwar nicht ein solcher Theatermensch, wie der Wiener, und trotzdem man auch nicht einen ausgeprägten Personenkults treibt, hängt sein Herz doch an der Rampe. Und von den höchsten kreisen herunter bis zum Handwerker kann man eine warme Liebe für die Schauspielkunst wahrnehmen.
        
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