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Das Gesellschaftsleben

Full text: Neu-Berlin / Edel, Edmund

36 Großstadt-Dokumente 93b. 50. Neu-Berlin. 
besonders in dem Berliner Westen kaum eine Familie, 
unter deren Mitgliedern nicht ein „Talent" ist, vor allem 
ein Dichtertalent. Und so wird fast aus jeder Abendgesell¬ 
schaft ein längeres Poem von Vetter Max oder Tante 
Fanny vorgesetzt, das in nicht immer ganz vollendeten 
und glatten Versen die Vorzüge der einzelnen Gäste 
preist und das in neckischem Kostüm von hübschen, aber 
ungelenken Damen vorgetragen wird. Es ist noch als 
ein besonderes Glück zu preisen, wenn man nur den 
Souffleur hört, der mit halblauter Stimme die Pointen 
vorher flüstert. Denn es kann sich auch ereignen, daß 
die hübschen, aber ungelenken jungen Damen plötzlich 
stecken bleiben und den gesamten Zuhörern einschließlich 
der liebenden Verwandtschaft einen unheimlichen Schrecken 
verursachen, der sich in mitleidiges Räuspern und §lchfei' 
zucken auslöst. 
Aber vor allem versucht man auf diesen Abend¬ 
gesellschaften zu tanzen. Gewöhnlich ist ein Klavierspieler 
engagiert, der für zehn bis zwanzig Mark das arme 
Instrument ein paar Stunden lang zu Tode martert, 
indem er ihm Walzer- und Polkatakte entlockt, die 
manchmal eine entfernte Ähnlichkeit mit den augenblick¬ 
lich beliebten Operettenmelodien und Gassenhauern haben. 
Die Möbel sind, wie vorhin schon erwähnt, aus dem E߬ 
zimmer weggeräumt und die Paare drehen sich nach den 
paukenden Takten der Musik und hopsen und schieben 
und stoßen sich an den kanten des stehengebliebenen 
Büfetts. 
Früher tanzte man nicht gut in der Berliner Gesell¬ 
schaft. Allmählich mit den Sportübungen und mit dem 
Einfluß, den die englische und amerikanische Invasion
        
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