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Das Gesellschaftsleben

Full text: Neu-Berlin / Edel, Edmund

34 Großstadt-Dokumente Bd. 50. Neu-Berlin. 
Kürzer oder länger. Wenn der Traiteur ein besser be¬ 
zahltes Kuvert geliefert hat, ist man gezwungen, bei 
mehreren Gängen geistreich zu sein und die beliebte Un¬ 
sitte, zu jeder Speise einen anderen Wein zu trinken, hat 
im Gefolge, daß einzelne männliche Gäste beim Eis be¬ 
reits Anzeichen von schwankenden Stilproben offenbaren. 
In den meisten Fällen hüten sich die Frauen vor dem 
Alkoholgenuß und lassen sich höchstens durch ein Glas 
Sekt ein wenig animieren, nur gerade so viel, um an 
der Schwelle des Rausches noch rasch zur Vernunft zu¬ 
rückzukehren. 
Bei den meisten Gesellschaften hat der Abend mit dem 
„Gute Mahlzeit" der Hausfrau seinen eigentlichen Zweck 
erfüllt. Nicht uncharakteristisch ist die populäre Bezeich¬ 
nung für diese Abendgesellschaften „Abfütterung", ein 
Bild, das aus dem den Berlinern so vertrauten Zoolo¬ 
gischen Garten entnommen ist. Man füttert seine Gäste 
ab. weil man die Verpflichtung hat, sich für die vielen 
Einladungen, bei denen man ebenfalls „abgefüttert" 
worden ist, zu revanchieren. Und so ist diese Gesellschafts¬ 
form ein feststehendes Klischee geworden. Was nicht zu 
verwundern ist. Denn der Durchschnittsnormalmensch 
deutscher Nationalität leidet nicht im allgemeinen an 
starker Individualisierung, sondern neigt von Jugend 
aus zur Uniform und ist begeistert, wenn er das nach¬ 
machen kann, was ihm die anderen Normalmenschen 
vormachen. 
Die Pausen zwischen dem Essen und den nachfolgen¬ 
den Überraschungen verlebt die Gesellschaft meistenteils 
in getrennten Räumen. Die Münnlein stürzen voll Un¬ 
geduld in das Rauchzimmer, um die dicken Zigarren in
        
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