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Die Straße Nachts in der Friedrichstraße

Full text: Neu-Berlin / Edel, Edmund

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Großstadt-Dokumente 23b. 50. Neu-Berlin. 
Rette sich, wer kann — Arbeitshaus und Keile zu 
Hause oder im schlimmsten Falle so ein „Herr", der einem 
womöglich für sein Geld noch Moral predigen und eine 
Stellung verschaffen will. 
In der Friedrichstraße ist die Nacht, die gleißende, 
schlüpfrige Nacht von Berlin! In das Halbdunkel der 
Straße blitzen die grellen Bogenlampen eitle Lichter, 
blitzen die suchenden Augen Sehnen und Verlangen und 
lachen die falschen, geschminkten Lippen. 
* * 
* 
3 Uhr morgens an der Kanzlerecke. 
Blauviolette Sommermorgenlust säubert die Miasmen 
der Nacht. Die Linden sind in einen zarten Duft von 
Rosa und Kobalt getaucht, ein Hauch der Frische weht 
über die Dächer, über die Bäume hinab auf die Straße, 
aus die wenigen Menschen. An der Kanzlerecke lungern 
die dunklen Gestalten aus der Finsternis der ver¬ 
flossenen Nacht — traurige Mitglieder des männlichen 
Geschlechtes, die wie die Erynnien auf die armen „Ver¬ 
anlagten" warten, um für ihren Körper die Seele der 
Verfehmten zu erpressen. Und traurige, armselige Ver¬ 
käuferinnen der weiblichen Reize. Die Letzten der Liebe 
und Sünde. 
Aus den offenen Fenstern der fashionablen Nacht¬ 
restaurants flöten die Gassenhauer und Walzer durch die 
Sommernacht, und rasch rauschen knisternde Seidenjnpons, 
kostbare Spitzenmäntel den Weg von einem Restaurant 
zum anderen. Mutig und lebensfroh feiern die Fürstinnen 
der Liebe ihre Triumphzüge der Lust.
        
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