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Nachtlokale

Full text: Lebeweltnächte der Friedrichstadt / Dietrich, Richard

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ungeheuchelter Hochachtung, daß Zeltinger und Niersteiner (den Jahrgang hatte man vergessen anzugeben) pro Flasche 6 Mk., Hochheimer Cabinet 15 Mk. und Plus-quiu 20 Mk. kosten sollten; billiger als 6 Mk. gab es keinen Wein. Als wir schon im Abzug waren, tauchte eines jener beklagenswerten Opfer auf, die, wie das Sprichwort sagt, nicht alle werden. Der Arme verschwand in dem lauschigen Nebenzimmer, das für Wein reserviert ist (alle diese Nebenzimmer sind für Wein reserviert; ein Hauptzimmer für Bier ist eigentlich überhaupt nicht vorhanden), und — in den Armen lagen sich beide.

Andere Lockungen, die immer unterzeichnet sind: „Die Wirtin" oder „Die junge Wirtin", führten uns nach uud nach so ziemlich herum. Wir waren im „Grand Restaurant" Odeon, bei der „feschen" Rhein-länderin, sahen die „schöne Kreolin", erlebten die „ungarische Kapelle" und ließen uns von „internationalen Schönheiten" bedienen. Diese Genüsse hatte uns wenigstens der Reklamezettel verheißen. Es bedarf wohl nicht erst der Erwähnung, daß wir sie alle, alle fanden! Im „Klassischen Dreieck", Kronenstr. 12/13, lernten wir „das Rendezvous der Lebewelt" kennen. Lebewelt — da kann man wirklich nur, wie Bender meint, „begeistert nebbich" sagen. In der Spreestraße Nr. 6, wo verheißungsvoll ein „Flureingang" angeführt wird, suchten wir die „junge Witwe" leider vergeblich. Sogar die edelste Metropoltheater-Poesie muß dazu herhalten, Kunden zu locken. Man höre:

Einen kleinen Vorschuß auf die Seligkeit Haben die wilden Rangen stets bereit,

Drum geh', wer dies ergründen will,

Nach Keibeliwtr. 6 nur hin,

Bei Freikonzert wird jedem Gast galant Sein fünftes Glas Bier gratis serviert

von zarter Hand.
        
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