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Nachtlokale

Full text: Lebeweltnächte der Friedrichstadt / Dietrich, Richard

62 Großstadt-Dokumente Bd. 30. Lebeweltnächte der Friedrichstadt.

An der Spitze marschiert da noch immer, wie in längst verflossenen Zeiten: das „Cafs National" an der Ecke Friedrich- und Jägerstraße. Seit das „Cafs Keck" in der Leipzigerstraße eingegangen ist, monopolisiert es einen gewissen Teil des nächtlichen Fleischmarktes, wie man sagt: den korpulentesten. Eine starke Konkurrenz ist ihm im „Caf6 Viktoria" in der Vesselstraße, gemeinhin „Beffel-Caf6" genannt, erwachsen. Auch das sogenannte „Apollo-Casino" beherbergt Gäste des gleichen Genres und zeigt dieselben Manieren.

Der Betrieb in diesen Nachtcafes, die den Weibern vielfach wahllos freien Zutritt gestatten, ist etwa derselbe, wie der in den unterschiedlichen Bars und Nachtlokalen. Die einzige Differenz liegt in der Klasse der Weiber und der Stellung resp. dem „Ansgabe"-Vermögen der Männer. Schnorrt die Ballhaushuldiu den Besucher des Linden-Casinos um eine Flasche Sekt an, fordert sie für eine zweistündige Unterhaltung mindestens „ein Pfund" und für die Droschke so im Vorübergehen wenigstens fünf Mark, — so ist ihre minder mit Schönheit oder Fetzen begabte Kollegin in den besagten Nacht-cafes mit einem Glase Bier und fünfzig Pfennig Unterhaltungsspesen durchaus zufrieden. Das Ziel aber auch dieses Mädchens ist, wenn sie nicht schon den abschüssigen Weg nahm und vielleicht von dort kam: das vornehme Ballhaus, die große Toilette und der „Lappen-schlot", d. h. der leichtsinnige Kavalier, der mit Hundertmarkscheinen vorgetäuschte Liebe bezahlt.

Zählen die Mädchenkneipen, d. h. anständige Bierlokale, in denen Kellnerinnen bedienen, auch unter die Nachtlokale?	Wir rechnen sie nicht dazu, weil ihr

Publikum in der Mehrheit aus Philistern besteht, die mit dem eigentlichen Nachtleben der Friedrichstadt so gut
        
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