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Nachtlokale

Full text: Lebeweltnächte der Friedrichstadt / Dietrich, Richard

52 Großstadt-Dokumente Bd. 30. Lebemeltnächte der Friedrichstadt. 
Straße Unter den Linden. Dieser Vorzug kostete erstens 
und zweitens war er für den Anfang nicht einmal nützlich. 
Als das Linden-Kasino gegründet wurde, hatte man 
im Allgemeinen noch wenig Neigung, bei den Nachtfahrten 
bis zu den Linden hinaufzugehen. Zwischen Leipziger 
Straße und Passage spielte sich das ganze Nachtleben 
ab und es hat einige Mühe gekostet, bis es gelang, die 
Bummler auch ein paar Häuserreihen weiter nach Norden 
hinaufzuziehen. Allmählich ist es doch gelungen. Das 
Linden-Kasino seinerseits hat, wenn man will, recht 
wesentlich dazu beigetragen. Wir sagten schon, es wollte 
im Anfang nicht recht gehen. Als aber der Zuwuchs 
begann, wuchs er täglich in einem Maße, daß bald die 
Räume beim besten Willen nicht mehr reichten, das 
Haus sich dehnte, und neue Säle dem flutenden Nacht¬ 
verkehr erschlossen werden mußten. 
Aehnlich erging es dem Restaurant Riche. Dieses 
Lokal, in dem einst der Wiener Wedel gehaust,und Orgien 
hatte feiern lassen, war schon eher geeignet für Nacht¬ 
lokalzwecke, da es unmittelbar neben dem Casö Bauer 
liegt und vor allen Dingen durch die Tradition gewisser¬ 
maßen sanktioniert war. Nach Wedels Zeiten hatte es 
nämlich unter dem Namen „Max und Moritz" auch eine 
ganze Zeit lang bewegte Nächte gesehen, das bunteste 
Treiben der damaligen Periode. 
Trotzdem wollte auch das Restaurant Riche, das im 
Biedermeierstyle prächtig ausgestattet worden war, durch¬ 
aus nicht gehen. Erst ein Zufall mußte lancieren. 
Unserer'Ahochmögenden Hermandad war plötzlich der 
Gedanke gekommen, die Elf-Uhr-Polizeistunde über das 
Linden-Kasino zu verhängen. Irgend ein besäufter Russe 
hatte aus Uebermut dort mit dem Revolver ein Loch in 
die Decke geschossen. Das bedeutete natürlich zunächst 
das Ende dieses Lokals, dessen ganze Herrlichkeit im
        
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