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Bars und Buffets "Madame"

Full text: Lebeweltnächte der Friedrichstadt / Dietrich, Richard

46 Großstadt-Dokumente Bd. 30. Lebeweltnächte der Friedrichstadt.

Hunderter und den Anstand los. Diese Giftdestille, die den Namen „upperst ten1' führt, wirkt wie der schwüle Tempel einer fünfzigjährigen Hetäre. Sekt ist die Parole. Wer keinen trinkt, ist ein Prolet und nicht wert, den Namen Mensch zu tragen! Viele Gäste findet man deshalb auch nicht bei Anna; die dort find, kommen nur eine Woche lang; höchstens Potsdamer Kavalleristen fühlen sich wohl hier; und von einem Vörsenjüngling erzählt man sich, daß er alles, was seine Spekulation einträgt, der keuschen Anna zum Opfer bringt. Anna ist ein Engel, wenn ihre Bude voll ist; ungenießbar, wenn der Gast der Woche nicht kommt. Sie ist ein Kalb, wenn sie lustig ist, und eine Furie, weun der Ernst des Lebens in Gestalt einer Rechnung oder eines nur Whisky-Soda trinkenden Stoikers an sie herantritt. Kein Mittel ist ihr dann ordinär genug. Sie ist ein echtes Strindberg-Modell und verleumdet gewerbs- und gewohnheitsmäßig. Manchmal markiert sie Nerven. Das ist aber nur Falle. Sie hat die Zähigkeit eines Wüstenschiffs und kann drei Stunden ohne Alkohol leben, wenn sie sich vorher einen Hektoliter eingepumpt hat. Im Privatleben erpreßt sie alte Geliebte, die heute verheiratet sind, und liebt Frauen, die blonde Haare haben. Sie hat Neffen, die keine sind . . . Anna ist sehr tüchtig. Nachteiliges im Polizeitechnischen Sinne ist über sie nicht bekannt geworden.

Der „vookmaker"

Er sitzt an der Bar und hat anständige Kleidung an. Er unterscheidet sich äußerlich in nichts von anderen Menschen; gewöhnlich hat er aber mehr Geld und eine reichere Erfahrung in der Kunst, es gelassen auszugeben. Am kleinen Finger der linken Hand trägt er einen
        
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