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Die Ballsäle Baronin Ilse

Full text: Lebeweltnächte der Friedrichstadt / Dietrich, Richard

36 Großstadt-Dokumente Bd. 30. Leberveltncichte der Friedrichstadt. 
sich nicht Kompromittieren. Ich traf die Kleine später 
einmal. Sie sagte mir, sie wäre „anständig" geworden; 
das Leben ihrer Baronin-Schwester habe ihr nicht zu¬ 
gesagt . . . Ilse hält auf Manieren; sie ist Lady. wenn's 
daraus ankommt. Darum liebe ich sie eigentlich; aber 
sie kann micht nicht leiden. Wenn der Baron wieder 
aus Plötzensee kommt, wird sie keine fröhlichen Stunden 
haben. Sie hat also nicht so unrecht, wenn sie heute 
denkt: „Darum laßt uns das Leben genießen ..." 
Aubineii-Maruschka 
Auch diese heißt nicht so. Ihr Nom de guerre 
stammt aus großen Zeiten, da ihr Rnbinenreichtnm 
sprichwörtlich war. Sie teilt im allgemeinen die Auf¬ 
fassung ihrer Landsleute: nos poloni non euramus . . . 
Ihre Gesinnung ist über jeden Zweifel erhaben. Schenkt 
ihr ein Schloß und eine Krone, und Polen wäre nicht 
verloren! Beängstigende Hysterie wechselt mit schalkhafter 
Anmut. Ihre Finanzlage ist das Aneroidbarometer ihrer 
Stimmung. Nie hat sie gelernt, mit den Groschen zu 
knausern; darum drückt sie jede Not härter als die andern! 
Ganze Garderegimenter haben früher ihren Sekt ge¬ 
trunken, ihre Trüffeln gegessen. Wenn sie der Zeit ge¬ 
denkt, quillt es heiß in ihr aus. Ihre noblen Passionen 
kann sie nicht lassen. Sie hat noch eine offene Hand, 
wenn ihr schon das Messer an der Kehle sitzt; sie schenkt 
das Hemd vom Leibe. Sie bekennt sich zu ihren: Bernse, 
wie eine Fürstin etwa sagt: Seht her, ich bin eine Königin! 
Sie hat etwas von der antiken Hetäre an sich, in deren 
Tempel Unsterbliche ihre Opfer brachten. Mit einem 
Wort: sie ist eine Polin; ihr „Reiz bleibt unerreicht."
        
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