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Die Ballsäle

Full text: Lebeweltnächte der Friedrichstadt / Dietrich, Richard

Am widerlichsten sind die Gentlemänner. Das fühlt sich hier als Herren der Situation und benimmt sich danach. Affige Lümmels kommen sich hier fabelhaft witzig vor, weil sie anderswo niemand ernst nimmt, und hier die Huldinnen ihnen um den Milchbart gehen. Blasierte Gecken älterer Semester sind selbstverständlich noch wesentlich bedeutungsvoller. Sie spielen hier die Rolle der Habitues und nicken huldvoll und gnädig auf das Treiben herab. Die bedauernswertesten Gäste dieser Lokale sind die Provinzler. Die Gentlemänner machen sich lustig über die Unsicherheit und Naivetät der Biederen, und die Weiber „neppen" sie, um später mit irgend einem befrackten Fatzken durch die Lappeu zu gehen und die Trüffelsehnsucht bitter zu enttäuschen. . . . Auf jeden Herrn kommen etwa fünfzehn Ladies. Manchmal schwankt die Proportion um Nüancen; aber im allgemeinen war hier in letzter Zeit wohl immer das Angebot größer als die Nachfrage. Früher war das nicht so; früher war die Nacht-Chance größer für die einzelne Huldin."

Um ein vollständiges Bild zu geben, muß noch gesagt werden, daß der erfolgreichste Unternehmer im Berliner Nachtleben, Herr M. Koller, demnächst gezwungen ist, sein Lokal in der Krausenstraße zu räumen, daß er dafür aber in der Jägerstraße einen Palast erbaut, der gleichzeitig zu Restauratious- und Ballhauszwecken dienert soll.

Auch sei eine Erscheinung nicht vergessen, die im Zusammenhang mit der überhandnehmenden Vertenrnng aller nächtlichen Vergnügungen steht: die „Jugend-Säle" in der Behrenstraße verschänken seit einiger Zeit auch Bier in ihren Räumen. Es versteht sich am Rande, daß diese Verbilligung neben den Vorteilen großen Besuchs auch ihre Nachteile hat. Erstens sind die Frauen längst nicht so elegant, wie in den vier erwähnten Ballhäusern.
        
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