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Die Ballsäle

Full text: Lebeweltnächte der Friedrichstadt / Dietrich, Richard

Die Ballsäle.

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bald nicht wohl und kehren reumütig zurück zur altgewohnten Stätte. So eifersüchtig und kleinlich denkend sie untereinander sind, so fest halten sie zusammen, wenn's gegen die Männer geht.

In den letzten Jahren ist eine auffallende Vermehrung lesbischer Neigungen in diesen Kreisen erkennbar, und es scheint so, als ob diese Völkerkrankheit Ansteckungsgefahren in sich birgt. Man wende nicht ein, daß auch unter den Hetären des Altertums geschlechtliche Ausschweifungen dieser Art an der Tagesordnung gewesen wären. Sie waren es doch nur in den Zeiten höchsten Verfalles. Und gerade darum ist es bezeichnend, daß der Perversitäten-strom von Jahr zu Jahr mehr in Berlin anwächst, ja, daß er heute kaum noch aufzuhalten ist.

In diesen Ballsälen kann man die seltsamsten Eifersuchtsszenen beobachten, Auftritte, die in den allermeisten Fällen einen geradezu ekelhaften Charakter tragen.

Sei's, wie's sei, in einer Beziehung ist es zweifellos besser geworden: der Betrieb ist heute geordneter als früher. Man kann nicht einmal sagen, daß dieses Verdienst die Polizei trifft; die Sache hat sich vielmehr von selbst geregelt. Die Schlamperei, die noch vor einem Jahrzehnt in solchen Lokalen an der Tagesordnung war, ist einer peinlichen Ordnung gewichen. An der Konkurrenz mag's vielleicht liegen. Einer paßt heute auf den anderen auf, und jeder hält auf Ordnung. Mit der Polizei will man absolut nichts zu tun haben, und dieser wiederum ist es am allerliebsten, wenn sie nicht mit Kleinigkeiten behelligt wird. Skandalszenen von der tnmnltuarischen Art, wie sie sich früher häufiger ereigneten, sind heute so gut wie ausgeschlossen. Ist irgeudwo ein Funke ins Pulverfaß gefallen, bann stürzen so und so viel bedienende Geister hinzu und sorgen höflich, aber energisch dafür, daß der Stein des Anstoßes aus dem Wege geräumt wird.
        
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